Kurdistan als letzte Bastion der Revolution 

 

Ein Überblick über die Geschichte der „kurdischen Linken“ im Iran.

Die kurdische Frage stellte eine Projektionsfläche für viele westliche Linke dar. Das Schicksal und die Lebensgeschichten vieler Aktiver der Bewegungen wurden nirgends schriftlich festgehalten, insbesondere nicht in europäischen Sprachen. Diese Lücke von Erfahrungen aus tausenden politischen Aktivitäten kann kaum gefüllt werden. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Geschichte der Kommunisten in iranisch Kurdistan insbesondere in der Zeit der Revolution ab 1979. Gleichzeitig soll mit einigen Mythen aufgeräumt werden, die die kurdische Frage als eine pauschale Angelegenheit und die kurdische Gesellschaft als eine klassenfreie Einheit darstellen. Während die Unterschiede und ideologische Kämpfe, wie Klassenkämpfe, in kurdischen Gesellschaften im Westen übersehen werden, erfährt die Geschichte und Politik der Klassenkämpfe die Anhänger der kommunistischen Parteien im iranischen Kurdistan eine mystifizierende Erhöhung, die ebenso wenig mit der Realität zu tun hat.

Bei der Suche nach den realen geschichtlichen Entwicklungen stellt sich als erstes die Frage, ob man von der kurdischen Linken reden kann oder von den Linken im iranischen Kurdistan. Darüber, was Linkssein überhaupt bedeutet, gibt es lange Diskussionen, die hier nicht ausführlich wiedergegeben und bewertet werden können. Wenn ich hier aber von „links“ schreibe, meine ich die emanzipatorische, sozialistische und kommunistische Bewegung und nicht nationalistisch-reaktionäre sozialdemokratische Parteien wie die Demokratische Partei Kurdistan-Iran. Diese Partei verstand sich als sozialdemokratisch, war aber tief konservativ und sogar reaktionär. Die erste Partei, die sich auf die linke Seite geschlagen hat und schnell feste Wurzeln in der Gesellschaft schlagen konnte, war Komalah. In der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran waren vor der Revolution 1979 einige Sozialdemokraten Mitglieder, die sich als links verstanden und eng mit der Tudeh-Partei des Iran zusammenarbeiteten, teilweise gleichzeitig auch Mitglieder der Tudeh-Partei. Doch die Tudeh-Partei war eine sozialdemokratische und reformistische Partei, die nie eine marxistische und kommunistische Lehre vertreten hat. Alles, was in der Sowjetunion nach dem Sieg der reaktionären Konterrevolution unter Stalin und später unter Chruschtschow propagiert und getan wurde, übertrug sie unkritisch und möglichst deckungsgleich auf den Iran – eine völlig andere Gesellschaft. Aus diesem Grund schlug sich die Tudeh-Partei auf die Seite der Islamisten und des Khomeini-Regimes und wurde größtenteils in das Regime integriert. Einige andere Parteien und Organisationen wie die Organisation der Volksfedajin Iran (Mehrheit) haben neben der Tudeh-Partei Khomeini als „antiimperialistisch“ dargestellt und wurden zu einem Teil des Regimes. Sowohl die Tudeh-Partei als auch die Volksfedajin waren trotz ihrer Position zum Regime von der brutalen Repression des Islamismus betroffen und ab 1984 verboten.

Der linke Flügel der Demokratischen Partei Kurdistan hat sich in den sechziger Jahren von dieser reaktionären Partei abgespalten und versucht, ein revolutionäres Komitee zu gründen. Die Vordenker dieses sogenannten revolutionären Komitees (Soleyman Moinie, Ismael Sharfizadeh und Mullah Ahmad Shalmasi, genannt Mala Aware) wurden auf Anweisung des reaktionären feudalistischen Führers der kurdischen Bewegung aus dem irakischen Kurdistan, Mullah Mustafa Barzani, ermordet und ihre Leichen an das Shah-Regime übergegeben. Nach der Revolution ordneten sich Barzanis Truppen Khomeinis Herrschaft unter, bildeten eine provisorische Armee (Ghiadeh Movaghat) zur Unterstützung der neu gegründeten, aber noch wenig ausgebildeten „Revolutionsgarde“ Sepah und machten Jagd auf Kommunisten und Aktivisten im iranischen Kurdistan. Dieser Teil der Geschichte wird hier angesprochen, um klarzustellen, dass die kurdische Bewegung von Anfang an nicht einheitlich war. Die revolutionären Teile der Bewegung wurden und werden von den reaktionären, nationalistischen, konservativen Flügeln und kurdischen Parteien nicht geduldet. Kurdistan war und ist eine Klassengesellschaft, in der jede Klasse ihr Interesse verfolgt. Deswegen darf die kurdische Frage nicht auf die Frage der nationalen Befreiung reduziert werden. Jede Art der Pauschalisierung und populistischen Analyse über kurdische Parteien wird hier in Frage gestellt.

Komalah als erste sozialistische Partei in Kurdistan

Wie bereits erwähnt, gab es in Kurdistan, wie in anderen Gesellschaften auch, linke Menschen, die eine emanzipatorische Bewegung oder Politik durchsetzen wollten. Dazu gehörten auch linke Dichter wie Mamusta Qani (Muhammad Kabuli war sein richtiger Name), der als Dichter der Unterdrückten bezeichnet wird. Die erste politische Partei mit linken Ansichten und einer breiten Basis in der Gesellschaft war Komalah. Komalah ist aber nicht von heute auf morgen entstanden. Sie war das Produkt langjähriger politischer Arbeit der kurdischen Studierenden an den Universitäten des Iran Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre. In dieser Zeit erleben wir weltweit eine starke Bewegung, die als „neue“ Linke bezeichnet werden kann. Im Iran wurde die Tudeh-Partei als eine reaktionäre, konservative Partei eingestuft und Parteien gegründet, die den bewaffneten Widerstand forderten, wie die Organisation der Volksfedajin-Guerilla Iran als eine Alternative gegen die sozialdemokratische prosowjetische Tudeh-Partei. In diesem Rahmen und unter sehr schweren Bedingungen haben die neuen Linken sich erst im Rahmen der Universitäten und danach im bewaffneten Untergrundkampf mobilisiert.

Die Revolution in Kuba und der bewaffnete Widerstand gegen den barbarischen Krieg der USA in Vietnam hat linke Menschen motiviert, gegen die absolutistische Monarchie die Waffen in die Hand zu nehmen und für ihre Befreiung zu kämpfen. Komalah stand aber nicht in der Tradition der Guerilla, sondern vielmehr in der Tradition maoistischer Politik, die in dieser Zeit auch im Iran sehr aktiv war.

Der iranische Geheimdienst (Savak) des Shah-Regimes war gegenüber den Kommunisten und Linken absolut brutal und gleichzeitig gegenüber den Islamisten nachsichtig. In einer Zeit, in der die Kommunisten durch Savak gezwungen waren, sich für den Kampf im Untergrund zu entscheiden, verrichteten die Islamisten und Anhänger Khomeinis und Ali Schariatis offiziell ihre politische und ideologische Arbeit. Die Strategie des Schah-Regimes war, die Islamisten gegen die Kommunisten zu stärken, weil der Schah selbst in den letzten Jahren seiner Herrschaft zum Islam zurückkehrte und dachte, dass die Islamisten als reaktionäre, ultra-konservative Kräfte nie ein islamisches Schah-Regime stürzen würden. Die Islamisten waren die Konterrevolution, die durch ihre populistische Propaganda den Teppich unter den Füßen der Arbeiterklasse und der Linken wegzogen und im Namen der Revolution die Macht im Interesse der Konterrevolution übernahmen. Dabei muss klar gemacht werden, dass die Islamisten innerhalb kurzer Zeit eine breite Gruppe der Bevölkerung auf ihre Seite ziehen konnten, unter anderem das „Lumpenproletariat“, das unter der unmenschlichen Politik des Schah-Regimes besonders litt. In einer Zeit, in der die Linken im Iran intellektuelle Studierende mobilisierten, festigten das Regime ihren Platz innerhalb der Arbeiterklasse. Durch die islamistische Ideologie, die die Befreiung der Zukunft in der Rückkehr zur Vergangenheit suchte, wurde der islamische Romantizismus zu einer breiten gesellschaftlichen Ideologie innerhalb der Bevölkerung. Die Verachtung der Freiheit der Frau als eine islamische, ländliche, sexistische Ideologie wurde von den Islamisten propagiert und fand ihre Basis innerhalb des „Lumpenproletariats“ und der Bauern, die durch die sogenannte „weiße Revolution“ des Schahs brotlos und landlos geworden waren.

Komalah wird erst als eine politische Partei gegründet, nachdem die Gefangenen während der Revolution durch die großen Aufstände von 1979 aus der Gefangenschaft befreit wurden, als die Tore der Gefängnisse durch die Proteste zerschlagen worden waren. Unter den politischen Gefangenen befanden sich auch die linken Studierenden aus dem iranischen Kurdistan, die aufgrund ihrer politischen Aktivitäten in den sechziger und siebziger Jahren festgenommen worden waren und ihren Kontakt zueinander während der Gefangenschaft verloren hatten. Nach der Befreiung fanden sie sich wieder zusammen und versuchten, ihre Gruppe wieder aufzubauen.

Am Anfang der Revolution war die islamistische Regierung nicht in der Lage, sich in allen Teilen der Gesellschaft zu etablieren. So konnten linke und kommunistische Gruppen und Parteien, die von der Repression des Schah-Regimes und des Savak betroffen waren, sich wiederaufbauen, um diesmal gegen ein barbarisches Regime zu kämpfen. Die Kommunisten waren leider eine Minderheit und sie erkannten erst zu spät die Brutalität der Herrschaft. Aus diesem Grund wurden mehrere Tausend direkt in den großen Städten des Iran verhaftet und entweder unter Folter ermordet oder an die Wand gestellt.

Komalah erklärte sich am 15. Februar 1979, am vierten Tag der Revolution, bei dem Angriff auf eine Polizeistation des Shah-Regimes in der kurdischen Stadt Saghez offiziell als Partei. Bei diesem Angriff fiel Mohammad Hossein Karimi, einer der Untergrundkämpfer der Komalah. Sobald Komalah sich offiziell zu einer politischen Organisation gemacht hatte, schlossen sich viele verschiedene Ortsgruppen der Arbeiter und Bauern mit Komalah zusammen. Einige von ihnen waren von den Mitbegründern von Komalah gegen die Feudalherren und das monarchistische Regime gegründet worden. Am Anfang der offiziellen Gründung der Komalah-Partei schloss sich die gesellschaftliche Masse, die sowohl das Schah-Regime als auch das neue Regime verachteten, mit Komalah zusammen.

Komalah gründete direkt eine bewaffnete Armee von Partisanen und kündigte in vielen kurdischen Städten eine parallele Herrschaft neben der Herrschaft des islamischen Regimes an. Am ersten Tag der Revolution eroberte die Führung der inoffiziellen Komalah die Radiostation in Sanandadsch, von wo aus Sedigh Kamangar die Revolution erklärte. Die Stadt war in den Händen der kommunistischen Partisanen von Komalah, aber die Kasernen war in den Händen der Armee des Regimes. Die provisorische Regierung Khomeinis war gezwungen, in Verhandlungen mit den kurdischen Kommunisten und anderen Parteien zu kommen. Nachdem die Stadt von der Bevölkerung kontrolliert und eine Rätedemokratie von unten aufgebaut wurde, übte das Regime militärischen Druck durch die Armee in Zusammenarbeit mit islamistischen Sunniten der Maktab Koran (Quran School) aus. Im Frühling 1980, einige Monate nach der Revolution, bombardierten sie die Stadt Sanandadsch. Die Demokratische Partei Kurdistan befand sich in der Zeit der Revolution in einem tiefen Schlaf, wie der Vorsitzende der Partei selbst schreibt. Der Großteil der Partei befand sich auf dem irakischen Boden unter der Herrschaft Saddam Husseins. Nach der Revolution kehrte der bewaffnete Teil der Partei aus dem „Exil“ zurück. Der andere Teil, deren Vertreter in der Tudeh-Partei integriert waren und teilweise jahrelang im Gefängnis des Shah-Regimes gesessen hatten, schloss sich zusammen. Ihr neuer Vorsitzender Abdul Rahman Ghassemlou begrüßte Khomeini und bezeichnete ihn als Führer. Die Demokratische Partei Kurdistan wollte am Anfang durch die Zusammenarbeit mit dem Khomeini-Regime zum einzigen politischen Akteur im iranischen Kurdistan werden. Entgegen der Forderung der Mehrheit der Bevölkerung wandte Ghassemlou sich gegen eine autonome Region Kurdistan. Stattdessen wollte er diskursiv die Konflikte lösen, indem er und andere Mitglieder der Demokratischen Partei Kurdistan sich ständig mit Vertretern der provisorischen Regierung Khomeinis trafen und versicherten, dass sie in der Lage seien, die islamische Verfassung des Regimes zu verteidigen und andere Kräfte (besonders die Kommunisten und Komalah) aus Kurdistan vertreiben. Khomeini erkannte und erklärte von Anfang an, dass die „Krawalle“ in Kurdistan kein Konflikt um die nationale Selbstbestimmung waren, sondern eine kommunistische Frage. Diese „Krawalle“ wollte Khomeini mit Hilfe der Demokratischen Partei Kurdistan und der Quran School beenden. Als das Regime vom Widerstand der Kommunisten, dem Aufruf Komalahs zu einer Art Einheitsfront („vereinte Kräfte der Verteidigung“) und der Bewaffnung der Bevölkerung gegen die Besatzung Kurdistans durch das Regime erfahren hatte, rief Khomeini im Sommer 1980 zum Jihad gegen Kurdistan auf. Der damalige Präsident des Iran Abolhassan Banisadr bläute der Armee ein, dass die Soldaten ihre Stiefel nicht ausziehen dürfen, bis die „Krawalle“ in Kurdistan beendet seien.

Nach der Revolution im Jahr 1979 wurde Komalah zur größten organisierten linken Partei im iranischen Kurdistan. Der Grund dafür war nicht, dass Komalah auf theoretischer Ebene eine starke oder widerspruchsfreie Partei war. Die Vertreter Komalahs waren revolutionäre Menschen in einer revolutionären Gesellschaft, die die Herrschaft des Feudalismus und der absoluten Monarchie abschaffen wollten. Komalah leistete in der Praxis eine Art der politischen Arbeit, die wir heutzutage als populistisch bezeichnen können. Diese Form der politischen Arbeit aber (das Leben unter Bauern und Arbeitern) und der Versuch der Organisierung der Unterdrückten vor und während der Revolution, sorgte für viel Vertrauen in der Gesellschaft. Obwohl viele Vordenker oder besser gesagt viele linke kurdische Aktivisten aus feudalistischen Familien kamen, stellten sie diese Verhältnisse in Frage und wandten sich gegen ihr eigenes Interesse. Trotz ihres feudalen und akademischen Hintergrunds entschieden sie sich für ein einfaches Leben als Bauern und Arbeiter.

Gründung Komalahs

Es gibt unterschiedlichen Interpretationen von der Gründung der Komalah. Die Vertreter der heutigen Parteien, die sich als Komalah bezeichnen, datieren die Gründung im Jahr 1970 und feiern am Gründungsdatum am 15. Februar den Tag Komalahs. Es ist keine Frage, dass die Aktivisten (hauptsächlich Männer) am Ende der sechziger Jahre sich an den iranischen Universitäten zusammenschlossen und einige von ihnen in die Fabrikarbeit gingen, um die Arbeiter zu mobilisieren und das Lebens als Proletarier zu erleben. Einige dieser Aktivisten arbeiteten als Facharbeiter in der „Esfahan Steel Company“. Das allein kann aber nicht als Gründungsmoment einer Partei namens Komalah verstanden werden. Komalah wird offiziell erst vier Tage nach der Revolution als Partei gegründet. Die politische Arbeit der Aktivisten vor und während der ersten Tage der Revolution kann als die Vorarbeit zur Gründung Komalahs verstanden und interpretiert werden.

Komalah ist ein kurdischer Begriff und bedeutet wörtlich Gemeinschaft oder Vereinigung. Der ursprüngliche, vollständige Name war Komalah Zahmatkeschani Kurdistan Iran (Vereinigung der Unterdrückten im iranischen Kurdistan), wobei sich „Komalah“ der Einfachheit halber als Bezeichnung durchsetzte.

Die Revolution 1979

Nach der Revolution setzten viele linke Kräfte im Iran ihre Hoffnungen in das islamische Regime, weil sie darin eine antiimperialistische Kraft zu erkennen meinten. Das kam einerseits dem Regime zu Nutze, andererseits führte es zur Spaltung und Schwächung vieler linker Gruppen und Organisationen. Große Teile der Linken im Iran, die meisten pro UDSSR, nahmen an der ersten Wahl des Regimes 1979 teil und verhalfen damit dem Regime zur Macht.

Das linke Kurdistan ging seinen eigenen Weg. Innerhalb kürzester Zeit gelang es Komalah, von einer studentischen Gruppe zu einer gesellschaftlich relevanten politischen Kraft zu werden, die bis heute die Geschichte der Linken im iranischen Kurdistan prägt. Komalah rief zum Boykott der Wahlen auf, organisierte die Widerstandskämpfe und gewann Kontrolle über einen Teil der kurdischen Gebiete. In sehr kurzer Zeit gewann Komalah tausende Menschen für den Kampf für Gerechtigkeit und Gleichheit. Erstmals in der Geschichte des militärischen Widerstands in Kurdistan und im Iran wurden auch Frauen als Peschmerga gewonnen. Bei dem Versuch, die Geschichte Komalahs in knappen Worten zusammenfassen, darf sich nicht nur auf die positiven und emanzipatorischen Seiten bezogen werden. Komalah trägt auch viele der gesellschaftlichen Widersprüche in sich, was sich in teils reaktionären Akten und Herangehensweisen ausdrückt. Ein großer Fehler der Partei lag darin, dass Komalah sich neben verschiedenen Parteien und Organisationen für die erste Präsidentschaft am 1. Mai 1980 Massoud Rajavi von den Volksmujahedin unterstützte und seine Präsidentschaft verteidigte. Diesen Fehler hat Komalah später eingesehen, scharf kritisiert und die darauffolgenden Wahlen boykottiert.

Komalah ist die erste Partei, die die soziale und wirtschaftliche Frage lösen wollte, indem sie den Feudalen die Macht nahm und ihr Land unter Arbeitern und Bauern aufteilte. Komalah war auch die einzige Partei, die revolutionär für die Befreiung der unterdrückten Nationen kämpfte, anstatt sie in das islamische Regime zu intergieren. So war sie auch die erste Partei, die im Namen des Kommunismus mit Waffen gegen das islamische Regime kämpfte, statt sich auf eine nationale Identität zu berufen. In der Praxis zeigte sich diese Politik darin, dass Räte gebildet wurden, die sich durch direkte Wahlen konstituierten. Es war die Bevölkerung, die auf den Großteil der Sitze Kommunisten wählte. In Sanandadsch beispielsweise waren aber auch zwei Personen der Quran School und einige der Demokratischen Partei Kurdistan vertreten. In der Zeit der revolutionären Praxis auch außerhalb Kurdistans von 1980 bis 1983 nahm Komalah eine revolutionär marxistische Theorie an und grenzte sich von maoistischen Einflüssen ab.

Kurdistan wurde in dieser Zeit zu einem Zufluchtsort für viele iranische Kommunisten, deren Leben in anderen Städten im Iran in Gefahr war. Die vielen iranischen Linken, die nach Kurdistan kamen, begannen ihren gemeinsamen Kampf mit den kurdischen Linken, was schließlich zur Gründung der Iranischen Kommunistischen Partei im September 1983 in den befreiten kurdischen Gebieten führte.

Trotz der Fortschritte auch in der Theorie entwickelte sich lange eine anti-theoretische Haltung, die alle Menschen, die sich tiefergehend mit kommunistischer Theorie befassten, für mittelständisch erklärte. Mit der Gründung der Iranischen Kommunistischen Partei konnte diese Haltung gegen Ende der 1980er Jahre in gewissen Maßen zurückgedrängt werden, indem die Partei mehr Wert auf die theoretische Bildung legte und die „Oktoberschule“ gründete.

Der Umgang Komalahs mit der Frauenfrage ist ebenfalls höchst ambivalent. Sie gab Frauen die Hoffnung, dass eine Partei sie endlich als Menschen und Subjekte akzeptieren würde. Komalah war die erste Partei, die Frauen bewaffnete. Gleichzeitig konnte Komalah sich aber nicht von einer patriarchalen, machistischen, teils sexistischen Kultur befreien. Komalah setzte sich sowohl in der Führung als auch in der Basis aus drei Gruppen zusammen: 1. Kommunisten 2. Nationalisten, die sich nicht immer als solche zu erkennen gaben („schüchterne Nationalisten“) und 3. das „Lumpenproletariat“, das besonders stark vertreten war und sich innerhalb der Partei in Banden organisierte. Nationalisten und „Lumpenproletariat“ vereinigten sich immer wieder gegen die Frauen. Sie stellten sie als schwach und unterlegen dar und nahmen ihnen den Raum, den sie sich in der Partei erhofft hatten. Viele Frauen versuchten, dem zu begegnen, indem sie Männerklamotten trugen und in den vordersten Reihen kämpften. Als sie 1983 bewaffnet wurden, trugen sie zwar keine Hijab mehr, bedeckten ihre Haare aber mit einer Kufiya, weil Komalah befürchtete, ansonsten insbesondere in den ländlichen Regionen abgelehnt zu werden. Hierin drückt sich der Widerspruch zwischen emanzipatorischem Selbstanspruch einerseits und der Sorge, in der Gesellschaft als zu radikal abgelehnt zu werden, andererseits aus.

Gleichzeitig verbot Komalah den Frauentausch in den kurdischen Regionen, in denen sie präsent war. Gegen Komalah verteidigte die Demokratische Partei Kurdistan den Frauentausch als „Tradition“ und „Kultur“ der kurdischen Bevölkerung, obwohl diese frauenfeindliche anti-Kultur nur im Interesse der reaktionären kurdischen Feudalen war, weil sie dadurch eine Liebesbeziehung verhindern und die Macht innerhalb des Stammes weiter etablieren konnten. Komalah wollte den Feudalismus abschaffen und allen Grundbesitzern die Macht nehmen, was die Demokratische Partei nicht dulden wollte. Die Demokratische Partei Kurdistan ist nicht nur absolut frauenverachtend, sondern auch arbeiterverachtend. Während Komalah die Arbeiterbewegung der Tagelöhner in der „Traditional brick factory“ (traditionelle Ziegelsteinfabrik) unterstützte, organisierte die Demokratische Partei Kurdistan ihre bewaffneten Lumpen, die Arbeiter und Aktivisten der Ziegelsteinfabrik festzunehmen, zu foltern und zu erschießen. In den Gebieten, in denen Komalah eine parallele Herrschaft entwickeln konnte, hatte die Demokratische Partei Kurdistan keine Bedeutung und wurde als konterrevolutionär und reaktionär bezeichnet.

Gewehr getragen hat. Die Bewaffnung der Frauen in großer Zahl fängt erst bei der Komalah an, und zwar am Anfang der achtziger Jahre. Diese Bewaffnung der Frauen führt aber nicht zur tatsächlichen Befreiung in Komalah und auch in anderen Parteien. Die Frauen werden bis heute bevormundet und ihre Subjektivität innerhalb der kurdischen Linken nicht anerkannt.

Die Linke im iranischen Kurdistan als reale gesellschaftliche und politische Kraft

Auch wenn es dem Khomeini-Regime gelang, nach jahrelangen Kämpfen Komalah und andere Parteien militärisch zu besiegen, befindet sich in Kurdistan bis heute die größte Opposition gegen dieses Regime, was zur Militarisierung der kurdischen Städte und zu härterer Repression und Unterdrückung geführt hat. Die Repression des Regimes und ein dauerhafter Ausnahmezustand in den kurdischen Gebieten des Iran haben nicht dazu geführt, dass die Bevölkerung sich unterordnet und die Herrschaft des Islamismus akzeptiert. Die Zusammenarbeit mit diesem Regime gilt in Kurdistan bis heute als gesellschaftliche Schande. Die Anhänger des Regimes werden „Jash“ („Eselfohlen“, in der Bedeutung ähnlich wie „Hurensohn“ im Deutschen) genannt. Dieser breite gesellschaftliche Hass und Ablehnung gegen das Regime verhinderten die Zusammenarbeit mit dem Regime und aus diesem Grund verstecken die Anhänger des Regimes ihre Gesichter, wenn sie mit Waffen unterwegs sind. Wenn Komalah als Partei seit mehr als dreißig Jahren auch nicht legal physisch in Kurdistan präsent sein kann und die Aktivitäten der Partisanen Komalahs auf eine Art der gelegentlichen Präsenz innerhalb der kurdischen Gebiete reduziert wurde, waren sie immer aktiv gegen das Regim. In den dunkelsten Jahren der Herrschaft Ende der 1980er Jahre, in denen tausende KommunistInnen iranweit ermordet wurden und die Opposition brutal durch die Gewalt zerschlagen wurde, waren die Aktivisten in Kurdistan am 1. Mai auf der Straße und haben den internationalen Tag der Arbeiter gefeiert. In der gleichen Zeit tobte in Kurdistan ein Bürgerkrieg zwischen der Demokratischen Partei und Komalah, den die Demokratische Partei am 16. November 1984 trotz aller Verhandlungsbemühungen seitens Komalah begonnen hatte. Komalah beendete den Krieg am 3. April 1988. Obwohl die Bevölkerung in Kurdistan einen sehr hohen Preis für ihren Kampf gegen den Islamismus gezahlt hat, lässt sie sich nie in ein Herr-Knecht-Verhältnis mit dem Regime drängen und ordnet sich nicht unter.

Auch wenn Komalah mit der Zeit etwa durch ständige Spaltungen an Einfluss und Rückhalt in der kurdischen Gesellschaft verloren hat und viele von diesen Spaltungen wieder zeigten, dass die nationalistische Strömung innerhalb von Komalah bis heute eine Tatsache ist, zeigen die Ereignisse der letzten Jahre immer wieder, dass die nicht parteilich organisierte Linke im iranischen Kurdistan im Vergleich zu anderen Teilen des Iran eine gesellschaftlich und politisch wirksame Kraft im Kampf gegen das Regime bildet. Der Grund dafür ist, dass das Kommunist-Sein im iranischen Kurdistan im Gegensatz zur vielen Gesellschaften keine „Schande“ ist, sondern gesellschaftliche Anerkennung mit sich bringt. Trotz der reaktionären und antikommunistischen Propaganda des Regimes, der Demokratischen Partei Kurdistan, der Quran School und anderen reaktionären islamistischen Kräften, bleibt Kommunist-Sein bis heute ein Stolz in der kurdischen Gesellschaft für die Mehrheit der Bevölkerung. KommunistInnen werden im iranischen Kurdistan sehr geschätzt und ernst genommen. Deswegen wird Kurdistan als die letzte Bastion der Revolution im Iran bezeichnet.

Trotz Militarisierung und starker Repressionen durch das islamische Regime im iranischen Kurdistan und der ständigen Präsenz der Sicherheitskräfte des Regimes, sind in Kurdistan weiterhin progressive gesellschaftliche Bewegungen aktiv, zum Beispiel eine progressive Frauenbewegung, die Bewegung gegen Ehrenmorde, die Umweltbewegung für den Erhalt der Natur und gegen die Verbrennung der Wälder durch das Regime in Kurdistan sowie die Anti-Hinrichtungs-Bewegung.

Zu unterschiedlichen Anlässen werden jedes Jahr trotz aller Unterdrückungsversuche Veranstaltungen und Demonstrationen organisiert, so etwa zu internationalen Tagen wie dem 1. Mai, dem 8. März oder dem Internationalen Tag der Kinder, aber auch zu regionalen Tagen wie dem Tag Komalahs. In den Aufständen gegen das Regime zeigt sich besonders deutlich, dass Kurdistan eine stark politisierte Gesellschaft ist, was von niemandem geleugnet werden kann. Nicht zuletzt die starke Partizipation der Frauen an allen Feierlichkeiten, aber auch bei Kundgebungen und Demonstrationen, ist eine weitere Besonderheit der gesellschaftlichen Linken im iranischen Kurdistan im Vergleich zu anderen Teilen des Iran. Eben wegen dieses Mobilisierungspotenzials spielt das iranische Regime immer wieder pro-Salafisten und andere islamische Verbände gegen die Progressivität innerhalb der kurdischen Bevölkerung aus.

Die PKK und ihre Unterorganisationen mögen sich hier im Westen als eine „linke“ Partei darstellen, für die kurdische Bevölkerung im iranischen Kurdistan aber sind sie eine Organisationen die zu eng mit der „Revolutionsgarde“ (Sepah) zusammenarbeitet. In den Konflikten zwischen dem Iran und den USA stellen sie sich sehr offen sich auf die Seite des Iran. Gleichzeitig hat das Projekt Rojava innerhalb der kurdischen Bevölkerung die Sympathie für seine nationalistische identitäre Politik geweckt und hier und dort Zuspruch gefunden, wo die Menschen in den Städten des iranischen Kurdistans von Komalah enttäuscht wurden.

Seit der Gründung der Partei befand Komalah sich immer im Wandel. Manchmal wandelte sie sich in progressiver, andere Male in reaktionärer Richtung. Der Zusammenbruch des Kasernensozialismus der UdSSR wirkte sich auch auf Komalah aus.

Von dem sogenannten ersten Kongress bis heute hat Komalah unterschiedliche Perioden und Wandlungen erlebt. Als erster „Kongress“, wenn er überhaupt Kongress genannt werden kann, wird eine Sitzung einiger Aktivisten, die später in der Führung Komalah aktiv werden sollten, im Herbst 1979 vor der Gründung der Partei bezeichnet. Bei diesem „Kongress“ waren zwei unterschiedliche Richtungen vertreten, die beide die Prägung Komalahs durch den Maoismus begründeten. Aus dem Streit darüber, ob der Iran eine kapitalistische Gesellschaft oder halbkapitalistisch und halb feudalistisch sei, gingen zwei Flügel in Komalah hervor. Während die Fragestellung dieser Auseinandersetzung durchaus relevant war, konnte keiner der Flügel eine richtige Antwort geben, weil die Führungen beider auf theoretischer Ebene dazu nicht in der Lage waren.

Der harte Kampf in der Praxis während der Revolution bis zum zweiten Kongress, der eigentlich der erste Kongress war, zwang die Führung Komalahs, sich mit radikaler Theorie zu beschäftigen und nach einer radikaleren Antwort zu suchen. Der Umgang mit der Revolution und dem islamischen Regime sowie reaktionären kurdischen Parteien erforderte eine revolutionäre Theorie. Diese Theorie wurde von den Parteien und Organisationen, die sich als „Khate Se“ oder „Dritte Herangehensweise“ (nicht zu verwechseln mit dem „Dritten Weg“!) verstanden, teilweise ausgearbeitet und von Komalah auch mehr oder weniger aufgenommen. Von 1979 bis 1983 entwickelte Komalah sich auf theoretischer Ebene sehr stark weiter und machte den revolutionären Marxismus zu ihrer Theorie. Der revolutionäre Marxismus war einerseits eine starke Abgrenzung zu der reformistischen Weltanschauung der Tudeh-Partei, andererseits auch eine Abgrenzung von anderen Parteien wie den Volksfedajin, die eigentlich in der Tradition der „neuen Linken“ standen. Mit der Zurückkehrung zur revolutionären Theorie schlossen sie an ihre richtige Praxis an. Mit der Aufnahme des revolutionären Marxismus in Komalah und der Gründung der Kommunistischen Partei Iran am 2. September 1983, als deren Teil Komalah sich als „Kurdistan’s Organization of the Communist Party of Iran“ verstand, entwickelten sie sich weg von der nationalistischen oder regionalistischen Partei, die sie vormals zu werden drohte und die die Frage der nationalen Befreiung auf regionaler Ebene zu lösen gesucht hatte.

Zwischen 1984 bis 1989 fanden in Komalah heftige marxistische Diskussionen statt und viele Zeitschriften und Zeitungen wurden von Komalah und der iranischen kommunistischen Partei veröffentlicht. Der Partisanen-Kampf Komalahs nahm aber immer mehr ab, als die Demokratische Partei Kurdistan der iranischen „Revolutionsgarde“ Sepah half, die letzten Städte in Kurdistan zu besetzen und Partisanen von Komalah zu zwingen, sich in Richtung der irakischen Grenzen zu bewegen und auf der irakischen Seite ihr Camp aufzubauen. Der Krieg zwischen zwei Regimen (Baath-Regime und Khomeini-Regime) ermöglichte es iranischen terroristischen Truppen wie der „Revolutionsgarde“, unter dem Deckmantel des „Schutzes der Grenzen vor Fremden“ (in diesem Fall vor irakischen Truppen) kurdische Gebieten mehr und mehr zu militarisieren und den kommunistischen Partisanen ihren Platz zu nehmen. Einige Jahre nach dem Krieg zwischen dem Baath-Regime unter Saddam Hussein und dem Khomeini-Regime erleben wir den Zusammenbruch des „Kasernensozialismus“ oder Staatskapitalismus in der Sowjetunion. Dieser Zusammenbruch stürzte die meisten kommunistischen Parteien in eine tiefe Krise. Der Sieg des Neoliberalismus über den „Realsozialismus“ drückt sich in unterschiedlichen Richtungen aus. Der erste Golfkrieg muss als Versuch der imperialistischen Pole verstanden werden, ihre neoliberale Politik und Hegemonie weltweit auszuweiten und durchzusetzen.

Genau in dieser Zeit wurde in Komalah die Kritik immer lauter und fanden die schärfsten Diskussionen über die Zukunft der kommunistischen Arbeit und Partisanen statt. Komalah wollte sich auf militärischer Ebene nicht in eine Richtung wie die Volksmujahedin entwickeln, die zu einem Flügel der Baath-Armee geworden war. Diese Diskussionen führten zu einem Streit, der die erste große Spaltung Komalahs und die Gründung der Arbeiterkommunistischen Partei Iran auslöste. Diese Partei wollte grundsächlich die Arbeiterklasse mobilisieren, wurde aber mit der Zeit zu einer postmodernen, linksliberalen Partei und einer fremden, isolierten Kraft mit dem Großteil ihrer Mitglieder in Europa. Bis heute konnte diese Partei keine 100 Arbeiter im Iran organisieren und die Vertreter dieser Partei sind in Deutschland jetzt die engsten Freunde der Antideutschen und der Bild-Zeitung.

Die heutige Komalah darf nicht auf ein Camp im Nordirak reduziert werden. Kommunist und links sein ist in den kurdischen Gebieten des Iran zu einer gesellschaftlich breit verankerten Kultur geworden. Diese Kultur wurde von Komalah in ihrer Geschichte geprägt, sie wird aber durch die Spaltungen geschwächt. Das iranische Kurdistan bleibt die letzte Bastion der Revolution.

Von Shiwan Vaisi und Hassan Maarfi Poor.

Hier geht’s zu unserer Reihe Neue Linke, in der wir Personen aus linken Bewegungen und emanzipatorischen Kämpfen weltweit zu Wort kommen lassen.

Source: diefreiheitsliebe.de



Zum Todestag von Karl Marx

In der Beearbeitung

vorgeleget von mir

Wenn die Kantische „Kritik der reinen Vernunft“ als eine „Revolution“ in der Philosophie des Zeitalters der Aufklärung dargestellt werden darf, indem Kant das Subjekt in der Mittelpunkt der Welt setzte, war die Hegelsche „Wissenschaft der Logik“ eine „Revolution“ in der idealistischen Philosophie, indem Hegel den Idealismus restaurierte und die deutsche idealistische Philosophie auf seinen höheren Punkt brachte. Mit Feuerbachs „Das Wesen des Christentums“ wird der Ausgangpunk des deutschen Idealismus gesetzt. Mit dem Marxschen Geschichtsmaterialismus wird nicht nur die deutsche idealistische Philosophie, sondern auch der „Sinnmaterialismus“ Feuerbachs kritisiert und widerleget.

Wenn in dieser Arbeit von Marx gesprochen wird, meint dies Engels natürlich mit, denn Marx und Engels sind eine Seele in zwei Körpern. Deshalb beziehe ich mich in allen Zitaten auf die MEW (Marx-Engels Werke) oder MEGA (Marx-Engels-Gesamtausgabe) und nicht die einzelnen Bücher, die als Buchmonografie erschienen sind.

Insgesamt hinterließen Marx und Engels über 400 Werke und 600 Briefe. (Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdsu 1984, S. 13) Ihre Werke kann man als philosophisch, ökonomisch, historisch, journalistisch, ethnologisch, aber auch chemisch und mathematisch definieren. Trotz oder gerade wegen dieser unterschiedlichen Perspektiven müssen die gesamten Schriften als ein zusammenhängendes Werk verstanden werden.

Marx und Engels entwickeln den Geschichtsmaterialismus in „Die Deutsche Ideologie“, indem sie die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und ihre Geschichte durch die Praxis der Menschen als objektive Akteure darstellen und sich scharf gegen alle Linksheglianer, gegen den deutschen Idealismus und Feuerbachs „Sinnmaterialismus“ wenden. Marx und Engels kritisieren nicht nur diese obengenannten Weltanschauungen, sondern rechnen mit den pseudorevolutionären Persönlichkeiten und Vordenkern des utopistischen Sozialismus Saint-Simon, Robert Owen, Sismondi und Charles Fourier ab. Die Urkommunisten beriefen sich auf den Urkommunismus und auf die Gesellschaften, in denen kein privates Eigentum existierte. Sie wollten aber nicht die „Zivilisation“ zerstören und zum „glücklichen Urzustand“ zurückkehren. Mit Ausnahme Charles Fouriers zeigten die kommunistischen Vordenker keine Neigung zum Urzustand. Selbst Fourier lehnte den Fortschritt nicht ab. Die Neigung zum Urzustand soll nur als Nostalgie und nicht als Versuch der Rückkehr in die Vorzivilisation verstanden werden. (Hobsbawm 2014, S. 30–31) In der „Deutschen Ideologie“ kritisieren Marx und Engels auch die Vordenker des Anarchismus wie Pierre-Joseph Proudhon, Michael Alexandrowisch Bakunin, Max Stirner und Vertreter des deutschen reaktionären Sozialismus.

Marx und Engels Umgang mit den Vordenkern des utopistischen Sozialismus, des Anarchismus und des deutschen Idealismus ist kritisch-solidarisch. Sie lehnen nicht ihre gesamten Analyse ab, sondern versuchen, die nützlichen Teile der Theorien herauszuarbeiten und den Rest scharf zu kritisieren. Sie sind gleichzeitig sehr stark von den Romantikern beeinflusst, weil sie durch die Romantiker wie Balzac die aristokratische Kultur kennenlernen konnten, obwohl sie Romantiker als Vertreter der reaktionären Weltanschauung betrachten.

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit einem der meistdiskutierten Wissenschaftler in der Geschichte der Menschheit: Philosoph, Ökonom, Historiker, Ethnologe und vor allem einem revolutionären Charakter. Das Leben von Karl Marx ist ein interessantes Leben, das mit den politischen Veränderungen seiner Zeit, mit der „Reflexion“ der französischen Revolution von linker und rechter Seite und mit scharfen philosophischen Auseinandersetzungen besonders mit hegelscher Philosophie und deren Nachfolge untrennbar verwoben ist. Marx hat in seiner Jugend die Möglichkeit, sich mit den tiefsten philosophischen Debatten zu beschäftigen. Die Familie Marx waren Juden, die aufgrund des Judenhasses in Preußen zum Christentum (Protestantismus) konvertierten. Marx schrieb auf dem Gymnasium Aufsätze, in denen er Christus feierte und ihn als „größten Lehrer“ bezeichnete. (Mohit 2013 (1392), S. 27) Er emanzipierte sich jedoch sehr schnell von der Religion und konnte sich mit der antiken Philosophie beschäftigen.

Während seiner Promotion reflektierte Marx tiefgründig die antike Philosophie von Epikur und Demokrit und kritisierte die Beschreibungen der antiken Philosophie, die damals an den Universitäten in Deutschland und Europa als Rekonstruierung der antiken Philosophie bekannt waren. (MEW 40 1968b) In seiner Doktorarbeit war Marx sehr stolz, die Religion und die Götter abgelehnt zu haben. Die Dissertation von Marx war ein Ausgangspunkt für eine neue Rekonstruierung der antiken Philosophie. Er war im Gegensatz zu Hegel der Meinung, dass mit Aristoteles die Geschichte der objektiven Philosophie zu Ende kam. (MEW 40 1968b, S. 266) Lenin beschreibt die Hegelsche Darstellung der epikurischen Philosophie als „[e]in Muster an Entstellung und Verleumdung des Materialismus durch einen Idealisten“. (Lenin 1968, 282)

Es ist für mich sehr schwer, die gesamte Entwicklung der Marxschen Theorie in einer kurzen Arbeit chronologisch genau in Bezug auf seine „Reflexion“ der bürgerlichen Revolution darzustellen. Ich versuche aber, diese Entwicklung so gut wie möglich historisch-materialistisch widerzugeben und diesen dialektischen Prozess bei Marx kritisch zu reflektieren ohne Marx zu „vergöttern“. Die Entwicklung seiner Theorie und Methodologie von seiner Dissertation bis zu seinem letzten Buch verstehe ich als miteinander verbunden in einem sich immer weiter ergänzenden Zusammenhang und nicht als einen mechanischen Prozess, in dem die Theorie immer wieder auf den nächst höheren Zustand gehoben wird. Ein kritischer Umgang mit der Marxschen Theorie muss sich von einer positivistischen und mechanischen oder auch sektiererischen Akzeptanz oder Ablehnung entfernen. Deswegen versuche ich in dieser Arbeit, genau diesen Standpunkt entwickeln: ein Standpunk, der all diese Darstellungen der Marxschen Theorie für sinnlos erklärt. Marx war ein hochintelligenter Mensch, dessen Einstellungen und Theorie sich durch sein ganzes Leben hindurch in einem werdenden Prozess befanden. So wurde auch Marx selbst in diesem werdenden Prozess erst zum Marxisten, wie W.F. Haug mit Bezug auf Henri Lefebvre beschreibt. (Haug 2015, S. 1970)

In dieser Arbeit steht am Anfang eine kurze Biografie von Marx. In der Biografie zeige ich die Entwicklung der Marxschen Theorie und seiner Überlegungen und Widersprüche zwischen seinen verschieden Werken. Diese Entwicklung ist nicht abgekoppelt von Engels zu beschreiben als ein Freund und Mitdenker von Marx, der diesen bis an sein Lebensende theoretisch und finanziell unterstützte und nach Marx Tod viele unfertige Handschriften von Marx veröffentlichte. Diese kurze Biografie von Marx ist keine einfache Biografie, sondern eine Biografie, in der ich die philosophischen und dialektischen Veränderungen in der Marxschen Weltanschauung historisch verarbeite und diese Entwicklungen philosophisch reflektiere. Im folgenden Kapitel wird die Reflexion der bürgerlichen Revolution bei Marx bearbeitet und der Umgang von Marx und Engels mit der bürgerlichen Revolution philosophisch dargestellt. Das abschließende Fazit dieser Arbeit ist aber keine Zusammenfassung im Sinne einer Wiederholung der Arbeit in kurzen Worten, sondern der Versuch, die Frage danach zu beantworten, ob die Marxsche Philosophie für unsere Gesellschaft immer noch notwendig ist.

2. Ideen in der revolutionären Biografie eines Revolutionärs

Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren. Trier wurde in der Zeit der Französischen Revolution von Napoleon erobert, sodass die Bevölkerung der Stadt tiefgründig von den Ideen der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit) als die fortschrittlichsten Ideen der Zeit beeinflusst wurde. Die napoleonischen Gesetze wurden in den Staatsapparat aufgenommen. (Mohit 2013 (1392), S. 23) Marx Familie hatte einen jüdischen Hintergrund, konvertierte aber 1817 aufgrund des traditionellen Antisemitismus in der reaktionären preußischen Monarchie zum Protestantismus. Marx Vater Heinrich Marx war ein liberaler Jurist, der fest an die „Macht der Vernunft“ glaubte. (Callinicos 2011, S. 31) So wuchs Marx in ein einem bürgerlichen Haushalt auf. Er konnte auf dem Friedrich-Willhelm-Gymnasium Trier eine liberal geprägte Ausbildung mit starker klassischer Ausrichtung genießen. (Callinicos 2011, Ebd.) 1835 ging Marx an die Bonner Universität, um Recht zu studieren. 1836 wechselte er auf die Berliner Universität, um sein Jurastudium fortzusetzen. Bereits 1837 wandte er sich dort vom Jurastudium ab und dem Philosophiestudium zu. Er studierte zunächst Rechtsphilosophie und danach Philosophie in allgemeinem. (Callinicos 2011, Ebd. 32) Zu dieser Zeit veröffentlichte Marx seine erste Publikation: die „Wilden Lieder“ erschienen in der Zeitschrift Athenäum. (Haug 2004, S. 1726) So betitelte er seine Briefwechsel mit seiner Verlobten Jenny von Westphalen, in denen beide sich philosophisch mit Liebe auseinandersetzen.

Wegen der Französischen Revolution und der folgenden Entwicklungen wurden häufig starke widersprüchliche Auseinandersetzung in den Schriften der Philosophen wie Kant und Hegel in Deutschland geführt. Mit andern Worten kann man sagen, dass die Widersprüche, die die Französische Revolution mit sich brachte, sich in den philosophischen Schriften in Deutschland widerspiegelten und in die Theorien eingearbeitet wurden. (Lukács 1973, 20ff) Diese Widersprüche spalteten die Hegelanhänger in Links- und Rechtshegelianer. Die Linksheglianer lehnten Gott ebenso ab wie die Annahme, Hegel habe an Gott geglaubt. Deswegen schloss Marx sich während seines Studium mit Linkshegelianern wie Bruno Bauer zusammen, der an der Universität Berlin als Professor arbeitete. So nahm Marx in seiner Promotion Hegel als seinen Vordenker und Bezugspunkt an, mit dem er die antike Philosophie von Epikur als Vertreter des Skeptizismus gegen den Dogmatiker Demokrit verteidigte. Marx lehnte in seiner Dissertation mit Bezug auf Prometheus jede Form der Religion ab und schreibt über sich, dass er alle Götter hasse. Die Philosophie stellt er dabei als unvereinbar mit Religion dar. (MEW 40 1968b, S. 263)

Nach seiner Dissertation dachte Marx darüber nach, einen Lehrstuhl als Professor anzustreben. Doch zu dieser Zeit herrschte eine reaktionäre Regierungspolitik unter König Friedrich Wilhelm IV. mit starken Repressalien gegen Religionskritiker und Kritiker der Monarchie. Ein knappes Jahrzehnt zuvor war Feuerbach im Jahr 1832 sein Lehrstuhl wegen der reaktionären Politik der Regierung genommen worden und Bruno Bauer wurde im Jahr 1842 das Vorlesungsrecht entzogen. Unter Wilhelm IV. wurde Johann Jacoby des Hochverrats bezichtigt, weil er sich in einer Broschüre für eine Repräsentativordnung in Preußen aussprach. (Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdsu 1984, S. 38) In dieser Situation verlor Marx seine Hoffnung auf die Anstellung als Professor. (Lenin 1914 (1929), 7ff)

Es wird häufig davon gesprochen, dass Marx von der deutschen idealistischen Philosophie, von der britischen politischen Ökonomie und dem französischen Sozialismus stark geprägt wurde. Michael Löwy fügt dem hinzu, dass außerdem die Romantiker ihn stark prägten. (Löwy، Michael, 229ff) Lafargue als vertraute Person mit einer sehr engen politischen und familiären Beziehung zu Marx erzählt in seinen „Persönlichen Erinnerungen“, dass Marx ein guter Romanleser war und häufig die Romantiker gelesen hat. (Lafargue 1890) Löwy schreibt, dass Marx sich in den 1840er Jahren sehr schnell von den Romantikern entfernte und zum deutschen Idealismus und besonders Hegels Analyse überging. (Löwy، Michael, 230ff)

Nach seiner Promotion und der Entscheidung gegen eine Anstellung an der Universität schrieb er als Journalist mit Linkshegelianern, die gegen Religion waren. Seine erste politische Schrift verfasst er über die „Pressefreiheit“ und greift die Zensur sehr scharf an. (Mohit 2013 (1392), S. 60–77) Dieser Artikel war für Marx der Anfang seiner aktiven Teilnahme an der Politik der Zeit und eine radikale linksliberale Kritik an staatlichen Institutionen und der Politik der Zensur gegen linke und radikale antireligiöse Menschen in Preußen. (Mohit 2013 (1392), Ebd. 78ff) Die Marxsche Kritik an Zensur und die Schlussfolgerung seiner These war trotz seiner linksliberalen Position in dieser Zeit sehr radikal und revolutionär, weil er die Abschaffung der Zensur als die Lösung des Problems sah. Marx nahm Anfang 1842 Kontakt zu Arnold Ruge und seinen Kölner Kreis auf, um mit ihnen politische Arbeit zu machen. Der Kölner Kreis ähnelte dem Doktoranden Klub der Linksheglianer, dem Marx in Berlin angehört hatte, war aber viel bodenständiger und politischer. (MEW 1 1976a, S. 25)

Es ist eine gängige Behauptung, Marx habe gesagt, dass er kein Marxist sei, ohne genau geklärt zu werden, was Marx damit meinte. Wolfgang Fritz Haug spricht von der Zurückkehrung der Genealogie des Marxist-Seins zum Anti-Marxist-Sein. Er bezieht sich dabei auf einen Brief von Engels an Bernstein über Marx Unterhaltung mit Lafargue. Es geht dabei um eine Gruppe um Jules Gusde in Paris, die sich damals als Marxisten bezeichneten. Sie gehörten zu deutschen, reaktionären Sozialisten und hatten mit dem Sozialismus von Marx nichts zu tun. Marx distanzierte sich von diesem reaktionären Sozialismus und sagte zu Paul Lafargue, nachdem er über Engels von der Gruppe erfahren hatte: „ce qu'il y a de certain c'est que moi, je ne suis pas Marxiste“. (Wenn es eine Gewissheit gibt, dann ist es die, dass ich kein Marxist bin). (Haug 2015, S. 1968–1969) Er bezieht sich damit also auf eine ganz bestimmte Auslegung und Inanspruchnahme des Marxist-Seins.

Es wird auch häufig davon gesprochen, dass Marx die Hegelsche Philosophie auf den Kopf gestellt habe. Wenn man diese Behauptung nicht als leere Worte ohne Bedeutungen und Klärung wiederholen möchte, muss man sich sowohl mit Hegel als auch mit Marx befassen. Lenin vergleicht Marx „Kapital“ in seiner Bedeutung für die Philosophie mit Hegels Logik: (Lukács 1971, S. 576)

„Im >Kapital< werden auf eine Disziplin Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie des Materialismus (man braucht nicht drei Worte: das ist ein und dasselbe) angewendet, der alles, was bei Hegel wertvoll ist, sich angeeignet und dieses Wertvolle weiterentwickelt hat.«“ ( (Lukács 1971, S. 576)

In den 1840er Jahren beherrscht die deutsche und insbesondere die Hegelsche Philosophie nicht nur in Deutschland, sondern auch außerhalb des Landes den philosophischen Diskurs, weshalb Marx sich ebenso wie alle anderen „Intellektuellen“ seiner Zeit mit der Hegelschen Philosophie auseinandersetzen musste. Hegel schwärmte am Anfang für die Französische Revolution und begrüßte diese Revolution sehr. Wegen ihrer inneren Widersprüche wurde seine Philosophie aber durch eine „passive Revolution“ des Protestantismus in die deutsche Monarchie integriert. Als Hegel selbst den preußischen Staat als Verkörperung der Vernunft bezeichnet, werden seine Anhänger auch als Lehrer und Philosophen an Staatsuniversitäten berufen, um die Ideologie des Staates weiter zu geben. (Engels 1962, 265 ff; Callinicos 2011, 32,33)

In den ersten kommunistischen Schriften wie die „Einleitung. Die Kritik der Hegelschen Rechtphilosophie“ betrachtet Marx die Arbeiterklasse von oben herab, indem er die Philosophie den Kopf der Befreiung der Arbeiterklasse nennt und die Arbeiter ihre Füße. In dieser Zeit konnte Marx sich noch nicht von der Lehre seines „Meisters“ Hegel befreien. (Callinicos 2011, 38ff) Aufgrund der Hegelschen Einflüsse durch die „Philosophie der Weltgeschichte“ rechtfertigten sowohl der „junge Marx“ als auch Engels in einigen ihrer frühen Schriften die Idee einer „Weltgeschichte“, die sehr stark von der kolonialistisch-eurozentristischen und rassistischen Weltanschauung geprägt ist, und den unmenschlichen kolonialistischen Umgang mit anderen Völker. Marx hält in einem berühmten Brief an Paul Annenkow die Sklaverei für notwendig in der modernen Gesellschaft und ihrer Entstehung und schreibt: „Ohne die Sklaverei würde Nordamerika, das vorgeschrittenste Land, sich in ein patriarchalisches Land verwandeln. Man streiche Nordamerika von der Weltkarte, und man hat die Anarchie, den völligen Verfall des Handels und der modernen Zivilisation. Doch die Sklaverei verschwinden lassen, hieße Amerika von der Weltkarte streichen. 1*) So findet sich denn auch die Sklaverei, da sie eine ökonomische Kategorie ist, seit Anbeginn der Welt bei allen Völkern. Die modernen Völker haben die Sklaverei in ihren Ländern lediglich zu maskieren und sie offen in der Neuen Welt einzuführen gewußt. Was soll nun der gute Herr Proudhon nach diesen Reflexionen über die Sklaverei anfangen? Er sucht die Synthese von Freiheit und Sklaverei, das wahre justemilieu, mit anderen Worten: das Gleichgewicht zwischen Sklaverei und Freiheit.“ (MEW 4 1969b, S. 554)

Diese Form der Beschreibung der Sklaverei und ihrer „positiven“ Seite kommt nicht nur bei Marx, sondern auch bei Engels auch vor. Engels begrüßte wegen dieser Ansichten die koloniale Besetzung Nordafrikas durch die französische Armee und Marx die Besetzung Mexicos durch die USA als Entwicklung der Zivilisation. (Mohit 2013 (1392), S. 19) Im „Manifest der kommunistischen Partei“ spiegeln sich immer noch die eurozentristische Ansichten wider, wenn Marx und Engels andere Völker als Barbaren bezeichnen, die durch die Bourgeoisie und durch die „Verbesserung“ (Modernisierung) der Produktionsverhältnisse und Produktionsmittel zur Zivilisation gebracht werden. (MEW 4 1969c, S. 466) Auch Hegels philosophische gesamte Herangehensweise interpretierten sie als revolutionär. Engels schreibt; „Darin […] gerade lag die wahre Bedeutung und der revolutionäre Charakter der Hegelschen Philosophie […] daß sie der Endgültigkeit aller Ergebnisse des menschlichen Denkens und Handelns ein für allemal den Geraus machte.“ (Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdsu 1984, S. 29) Nach Engels war Hegels größtes Verdienst, die dialektische Methode herausgearbeitet zu haben. (Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdsu 1984, Ebd.) Hegels dialektische Methode war methodologisch revolutionär, indem er die Selbstentfaltung der gesamten Entwicklung der menschlichen Geschichte als die Entwicklung zur absoluten Idee als einen antagonistischen Prozess verstand. Seine Philosophie war widersprüchlich, indem sie die absolute Wahrheit darstellen und den dialektischen Prozess in der absoluten Wahrheit oder im absoluten Geist beenden wollte. (MEW 21 1975, S. 268) Nach Hegel war die Geschichte schlicht eine schrittweise Selbstbewusstwerdung der absoluten Idee, ein Höhepunkt, der durch die protestantische Wende in Deutschland und anderen protestantisch geprägten Länder durch den Protestantismus erreicht wurde. (Callinicos 2011, S. 33; Hegel 1944)

Die radikale Veränderung wurde bei Marx erst angestoßen, als er wegen des Philosophiestudiums von Bonn nach Berlin zog. Diese beginnende Veränderung zeigt sich in einem Brief von Marx an seinen Vater. (MEW 40 1968a, 3ff) Obwohl Marx in dieser Zeit, 1837, ein Student der Philosophie war, erwarb er in kurzer Zeit sehr tiefe Kenntnisse aus einer Vielzahl an Manuskripte, von denen sein Vater keine Ahnung hatte. Seine Einsichten entwickelte er in seiner Dissertation im Jahr 1841 weiter. Sie zeigt, wie ein junger Philosoph wie Marx sich tief mit den wichtigsten philosophischen Debatten seiner Zeit aus einer weiterentwickelten Perspektive auseinandersetzte, die über Hegels Philosophie der subjektiven Vernunft im „Weltgeist“ hinausging und die Rolle des Subjekts nicht nur als Geist verstand. Stattdessen sieht er darüber hinaus die Elemente der menschlichen Praxis in der Entwicklung der Geschichte. (Bloch 1968, 7ff; Mohit 2013 (1392), 38ff)

Als sein Vater diese grundlegende Veränderung in Marx Weltanschauung erlebte und ihn nicht verstehen konnte, forderte er ihn in einem Brief dazu auf, sich von den falschen Freunden zu entfernen und die „guten Menschen“ zu treffen, die er ihm empfahl. In den acht veröffentlichten Briefen von Heinrich Marx an seinen Sohn sieht man, wie er immer wieder versucht, Marx zu überzeugen sich von der radikalen Kritik der Religion zu entfernen. In einem Brief schreibt er, dass selbst ungläubige Menschen sich bei Schwierigkeiten an Gott wenden. (Mohit 2013 (1392), S. 44–58)

Nach Hegels Tod entfaltete sich eine breite Auseinandersetzung mit Hegel. Die Junghegelianer entwickelten unterschiedliche naive Interpretationen von Hegels Werk, die im Grunde nichts mit Hegel zu tun hatten. Diese Linkshegelianer trafen sich im Berliner Doktorklub. (Callinicos 1987, 33ff) Ein berühmter Linkshegelianer war Bruno Bauer, den Marx später in „Zur Judenfrage“ und in anderen Werken wie „Kritik der kritischen Kritik“ sehr scharf kritisierte und seine Ansichten über die politische Emanzipation der Juden nicht nur als naiv, sondern auch antiemanzipatorisch bezeichnete. (MEW 1 1976b) Anfangs jedoch gehörte Marx zu diesem Kreis der Junghegelianer. Er distanzierte sich aber sehr schnell von ihnen und schrieb die „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“. Seine Position zu Hegel war anders als die aller anderen Hegelianer, die aus Hegels Philosophie eine absolut einseitige Philosophie machten. Durch die Schriften von Heinrich Heine verstand Marx die esoterische und exoterische Seite der Hegelschen Philosophie besser als viele andere Zeitgenossen. In seinen „Geständnissen“ schreibt er, dass die Hegelsche Philosophie am Ende alles in der Religion zusammenfasst. Heine beschreibt, wie er in seiner Jugend Hegel nicht verstehen konnte, aber im Exil Hegel auf Deutsch las und für sich selbst auf einfache französischer Sprache übersetzte, bis er die esoterische Seite der Hegelschen Philosophie erkannte. (Heine 1851-1855 (1976), 473ff) Der Umgang von Marx mit Hegel war aber trotz seiner scharfen Kritik an Hegels Idealismus anders als sein Umgang mit den anderen idealistischen Philosophen. Lenin beschreibt, dass Marx in seinen schärfsten Polemiken gegen Linkshegelianer wie Bauer und Stirner deren Idealismus nie mit dem Hegels identifizierte. (Lukács 1971, S. 559–560)

Häufig reduzieren Marxologen und Marxologinnen, aber teilweise auch Marxistinnen und Marxisten die Rolle von Engels auf die des finanziellen Unterstützers von Marx. John Rees als einer der größten gegenwärtigen marxistischen Denker weist in seinem Buch „Engels’ Marxism“ die Vorwürfe von den sogenannten orthodoxen Marxisten und Marxistinnen bis zu den Positivisten und postmodernen, sufistisch geprägten Linksnietzscheaner gegen Engels zurück und verteidigt die theoretische und politische Einheit von Marx und Engels. (Rees 1993) Tony Cliff als einer der intelligentesten Marxisten der Gegenwart verteidigt wie John Rees Engels und geht davon aus, dass die Entwicklung der Marxschen materialistischen Theorie nie ohne Engels Hilfe zum historischen Materialismus hätte kommen können. Besonders Engels ethnologische und ethnografische Beschreibungen im Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ habe hierbei eine wesentliche Rolle gespielt. Vom Einfluss der idealistischen Philosophie habe er sich durch Hegel befreit und auch die Marxsche Philosophie der Praxis habe nur mit Engels Einfluss zustande kommen können. (Cliff 1996 (2001))

Es ist eine gängige Behauptung, der Marxismus habe keine Philosophie, weil die Philosophie mit der Abstraktion der Begrifflichkeiten verwechselt wird. Wenn man aber die Philosophie als Abstraktion der Begriffe versteht und nicht als Abstrahierung der gesellschaftlichen Umstände, hat man weder die Philosophie noch Marxismus verstanden. Wenn Engls die Philosophie von Feuerbach als den „Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ darstellt, entwickelt Marx die Philosophie der Praxis in den „Feuerbachthesen“. Marx widerlegt den sinnlichen Materialismus von Feuerbach und geht davon aus, dass der Standpunk des alten Materialismus die bürgerliche Gesellschaft sei, aber der Standpunt des (Marxschen) Materialismus die „Menschliche Gesellschaft oder vergesellschaftliche Menschheit“ ist. (MEW 3 1969b, S. 533)

Marx entwickelt nicht nur die Philosophie der Praxis in seinen Thesen über Feuerbach, sondern auch die historisch-materialistische Herangehensweise, die ausführlich in „Die deutsche Ideologie“ dargestellt wird. Gleichzeitig sehen wir in „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ wie Marx die Befreiung des Menschen mit dem Kantischen kategorischen Imperativ in eine sozialistisch geprägte Weltanschauung übersetzt als die Überwindung aller Verhältnisse, in denen der Mensch „ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ ist. (MEW 1 1976c, S. 385) In „Zur Judenfrage“ stellt Marx die Befreiung der Menschen von den bürgerlichen Verhältnissen ins Zentrum seiner Thesen im Gegensatz zu Bruno Bauer, weil Bauer die Befreiung der Juden und Jüdinnen durch ihre Integration oder besser gesagt ihre Assimilation im christlichem bürgerlichem Staat vorgeschlagen hatte. (MEW 1 1976b, S. 350–351) In Marx ersten sozialistischen und kommunistischen Schriften wie „Zur Judenfrage“ und „Einleitung. Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ hat Marx keine objektive, realistische Vorstellung von der Emanzipation. Obwohl er von dem Proletariat als einzige revolutionäre Kraft zur Befreiung der Menschheit spricht, war das Proletariat für Marx noch kein Subjekt im Sinne des Engelschen Proletariats in „Lage der arbeitenden Klasse in England“. Trotz seiner scharfen Kritik an Hegel und Bauer ist der Umgang von Marx mit dem Proletariat noch nicht auf der Stufe des wissenschaftlichen Sozialismus und der Kritik der politischen Ökonomie, die er später durch Engels kennenlernt. Seine Entwicklung dorthin konnte nur mit Engels Hilfe vollziehen.

Es ist nicht zu leugnen, dass es zwischen Marx und Engels in ihrem Verständnis von der Gesellschaft manchmal kleine Unterschiede gab, aber politisch und strategisch waren sie sich einig. Im Gegensatz zu den Behauptungen vieler Marxologen, die Engels zum Feindbild machen und seinen Platz im Leben, in der Theorie etc. von Marx leugnen oder auf die finanzielle Unterstützung reduzieren, waren beide überzeugte Kommunisten, die sich in strategischen und theoretischen Fragen einig waren. Wie Hal Draper in der Einleitung seines Buches „Karl Marx’s Theory of Revolution“ erwähnt, hatten Marx und Engels unter sich eine Arbeitsteilung hatten, um bestimmte Themen besser bearbeiten zu können. (Draper 1977) Lenin schreibt in einem Artikel „Friedrich Engels“ nach dessen Tod eine kurze Biografie und beschreibt seine wichtige Rolle in Marx Leben. Er schreibt, dass Engels viel früher in Berührung mit der Kritik der politischen Ökonomie kam und einige Artikel über die Kritik der nationalen Ökonomie in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ veröffentlichte. In seinem Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ beschreibt Engls nicht nur auf journalistische Art die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, sondern auch die politischen Kämpfe der Arbeiterklasse, die als Motor der Entwicklung der Gesellschaft funktionieren. (Lenin 1947 (2011))

Nachdem Marx bis 1843 als Journalist gearbeitet hatte, verstand er durch Engels, dass seine Schriften nichts mit der Kritik der politischen Ökonomie zu tun hatten. (Lenin 1914 (1929), 9ff) Die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“, die von Marx und Arnold Ruge (1802-1880; linker Hegelianer, 1825 bis 1830 im Gefängnis, nach 1848 Emigrant, 1866-1870 Bismarckianer) herausgegeben wurden, waren eine sehr radikale Zeitschrift, die sich mit verschiedenen Themen der Zeit auseinandersetzte. Die Zusammenarbeit mit Ruge wurde aufgrund der Meinungsunterschiede nach der Veröffentlichung des ersten Bandes beendet. (Lenin 1914 (1929), Ebd.) Darin schreibt Marx in einem Brief an Arnold Ruge über den Konservativismus und Patriotismus in Deutschland.

„Ich reise jetzt in Holland. Soviel ich aus den hiesigen und französischen Zeitungen sehe, ist Deutschland tief in den Dreck hineingeritten und wird es noch immer mehr. Ich versichere Sie, wenn man auch nichts weniger als Nationalstolz fühlt, so fühlt man doch Nationalscham, sogar in Holland. Der kleinste Holländer ist noch ein Staatsbürger gegen den größten Deutschen. [...] Es ist eine Wahrheit, die uns zum wenigsten die Hohlheit unsers Patriotismus, die Unnatur unseres Staatswesens kennen und unser Angesicht verhüllen lehrt. Sie sehen mich lächelnd an und fragen: Was ist damit gewonnen? Aus Scham macht man keine Revolution. Ich antworte: Die Scham ist schon eine Revolution; sie ist wirklich der Sieg der französischen Revolution über den deutschen Patriotismus, durch den sie 1813 besiegt wurde. Scham ist eine Art Zorn, der in sich gekehrte. Und wenn eine ganze Nation sich wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht. Ich gebe zu, sogar die Scham ist in Deutschland noch nicht vorhanden; im Gegenteil, diese Elenden sind noch Patrioten. Welches System sollte ihnen aber den Patriotismus austreiben, wenn nicht dieses lächerliche des neuen Ritters? Die Komödie des Despotismus, die mit uns aufgeführt wird, ist für ihn ebenso gefährlich, als es einst den Stuarts und Bourbonen die Tragödie war. Und selbst, wenn man diese Komödie lange Zeit nicht für das halten sollte, was sie ist, so wäre sie doch schon eine Revolution. Der Staat ist ein zu ernstes Ding, um zu einer Harlekinade gemacht zu werden. Man könnte vielleicht ein Schiff voll Narren eine gute Weile vor dem Winde treiben lassen; aber seinem Schicksal trieb' es entgegen eben darum, weil die Narren dies nicht glaubten. Dieses Schicksal ist die Revolution, die uns bevorsteht.“ (Ruge und Marx 1973, S. 100–101)

Marx wird wegen seiner radikalen Analyse von dem preußischen Staat als eine gefährliche revolutionäre Persönlichkeit dargestellt. Aus diesem Grund wird er in die Migration gezwungen. Zuerst flieht er nach Paris. Dort trifft er das erste Mal persönlich auf Engels. Dieser besucht ihn dort während seines Aufenthalts und macht ihn aufmerksam auf die Bedeutung der politischen Ökonomie. Im Jahr 1845 wird Marx von preußischen Reaktionären erneut als gefährlicher revolutionärer Charakter bezeichnet und muss Frankreich verlassen. Er siedelt nach Brüssel über und schließt sich dort im Jahr 1848 dem „Bund der Gerechten“ an. Marx und Engels werden beauftragt, ein Manifest für den Bund zu schreiben. Daraufhin schriebt Marx mit Engels Hilfe das „Manifest der kommunistischen Partei“. Es folgte Marx Buch „Das Elend der Philosophie“, in dem er mit Proudhon und seinem kleinbürgerlichen Sozialismus abrechnet. Im „Manifest der kommunistischen Partei“ werden verschiedene Formen der reaktionären sozialistischen Lehren stark kritisiert und die Idee des wissenschaftlichen Sozialismus (Kommunismus) entwickelt, der später Marxismus genannt werden sollte. (Lenin 1914 (1929)) Im „Manifest der kommunistischen Partei“ reflektieren Marx und Engels ihre Ideen in einer sehr starken und radikalen Analyse und fassen sie zusammen. Das „Manifest der kommunistischen Partei“ stellt den Klassenkampf in einer dialektischen Analyse und durch den historischen Materialismus als den Motor der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft dar. Ziel ist dabei der Kommunismus als Selbstverwirklichung der Gesellschaft und des Individuums aus der radikalen revolutionären Negation der bürgerlichen Produktionsweisen und Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln heraus. Das „Manifest der kommunistischen Partei“ ist gleichzeitig eine tiefe Analyse der Entwicklung und der Globalisierung des Kapitalismus. Marx und Engels sind der Meinung, dass die Bourgeoisie in der Lage ist, jede chinesische Mauer mit ihrer Artillerie zu zerschlagen, um alle anderen Völker und Länder zur bürgerlichen Produktionsweisen zu bringen. (MEW 4 1969c)

Nach dem Ausbruch der Februarrevolution von 1848 wird Marx aus Belgien ausgewiesen und siedelt erst nach Paris und von Paris nach Köln aus, um die bürgerliche Revolution in Deutschland zu einer sozialistischen zu machen. Vom 1. Juni 1848 bis zum 19. Mai 1849 ist er Chefredakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung“. Von der siegreichen Konterrevolution wird Marx zuerst vor Gericht gestellt, aber am 9. Februar 1849 freigesprochen und am 16. Mai 1849 aus Deutschland ausgewiesen. Er flieht wieder nach Paris, wird aber nach der Märzrevolution wieder aus Frankreich ausgewiesen und reist nach London, wo er den Rest seines Lebens verbringt. (Lenin 1914 (1929))

Das Leben von Marx und seiner Familie in London ist sehr schwierig. Bei seiner Ankunft in London ist Karl Marx 31 Jahre alt. Anfangs geht er von einem sehr kurzen Aufenthalt in London aus, verbringt aber schließlich sein ganzes Leben dort ohne Staatsangehörigkeit und hat immer gegen Armut und Krankheit zu kämpfen. Ohne ständige Hilfe von Engels hätten die Familie Marx nicht überleben können. Marx hält seine Hoffnung in eine proletarische Revolution in Europa jedoch immer aufrecht. (Musto 2018a, 2018b)

In seinem ganzen Leben spielt seine Frau Jenny Marx, geb. von Westphalen, eine wesentliche Rolle und zwar nicht nur als hübsche Zierde eines großen Denkers, sondern als große Denkerin selbst, die ihr Leben in der Aristokratie hinter sich lässt, um gemeinsam mit ihrem Mann für die Befreiung der Gesellschaft zu kämpfen. Sie verfasst vermutlich Teile seiner Schriften und er veröffentlicht nichts, das vorher nicht durch ihre und Engels kritische Korrektur gegangen ist. (Callinicos 2011)

Paul Lafargue, Marx Schwiegersohn und einer der wichtigsten Sozialisten und Aktivisten der Zeit, schreibt in seinen „Persönlichen Erinnerungen“, dass Marx sein ganzes Leben lang Engels in allen Bereichen sehr hochschätzt und stolz auf ihn ist. (Lafargue 1890) Lafargue ist der Meinung, dass Marx in seinen Schriften drei Charaktere gleichzeitig hat. Einmal schreibt Marx als eine hochtheoretische Persönlichkeit im „Kapital“ und seinen ökonomischen Schriften, in denen er die Welt scharf analysiert. Außerdem schreibt Marx ironisch amüsiert wie in „Der achtzehnte Brumaire“ über die Wiederkehr der Konterrevolution im Körper des „Lumpen“ Louis Bonaparte. Schließlich schreibt er auch ironisch verbittert wie in seinen Streitschriften gegen Karl Vogt als Marionette Napoleons, der Marx persönliche Vorwürfe gemacht hatte. (Lafargue 1890) Alle diese Schriften wurden von einer Person geschrieben und Marx war die Vereinigung dieser drei Persönlichkeiten. (Lafargue 1890, Ebd.)

Marx erste ökonomische Schrift sind die ökonomisch-philosophischen Manuskripte von 1844, die erst später veröffentlicht wurden. In diesem Buch setz Marx sich mit der Kritik der politischen Ökonomie und Philosophie auseinander und überträgt die Idee der Entfremdung, die davor von Hegel, Feuerbach und Marx selbst in „Zur Judenfrage“ entfaltet wurde, auf die Arbeit und Arbeiter. Marx kritisiert in „Pariser Manuskripte“ Hegels Dialektik und die politische Ökonomie gleichzeitig. Er versucht, die Widersprüche der nationalen und politischen Ökonomie darzustellen, indem er Lohnarbeit und Kapital als zwei Pole betrachtet, die nicht vereint werden können. Die Idee der Verdinglichung und Entfremdung der Arbeiter von ihrer Arbeit in der Produktion war eine materialistische Entwicklung in der Marxschen Theorie, die darauf gründet, dass die Arbeiter als Produzenten nicht ihre Waren besitzen können. Marx schreibt: „Es kömmt (sic!) daher zu dem Resultat, daß der Mensch (der Arbeiter) nur mehr in seinen tierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, höchstens noch Wohnung, Schmuck etc., sich als freitätig fühlt und in seinen menschlichen Funktionen nur mehr als Tier. Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische.“ (MEW Ergänzungsband 1968, S. 514–515)

Marx Kritik der Ausbeutung der Arbeiter im Kapitalismus ist nicht moralisch normativ im Gegensatz zu früheren utopistischen Sozialisten oder kleinbürgerlichen Sozialisten wie Proudhon, sondern eine strukturelle Kritik der bürgerlichen Produktionsweisen. Marx legt dar, dass die bürgerliche Produktionsweise die Arbeiter zu modernen Sklaven gemacht hat, sodass die Arbeiter sich nicht befreien können, ohne diese Produktionsweise zu überwinden. (MEW Ergänzungsband 1968; MEW 6 1973b, S. 401)

Die zweite ökonomische Schrift von Marx ist „Lohnarbeit und Kapital“. Eine kurze Schrift, die die Widersprüche der bürgerlichen Produktionsweise darstellt und scharf kritisiert. Marx entwickelt seine Wirtschaftstheorie, indem er die politische Ökonomie als die Rechtfertigung für die bürgerliche Herrschaft darstellt und kritisiert. Er ist der Meinung, dass die politischen Ökonomen entweder die Ausbeutung für „Natürlich“ halten oder nicht verstehen, dass die Arbeit der Arbeiter als Ware nicht gegen den Lohn verkauft oder getauscht wird, wie es die politische Ökonomie behauptete. Marx versucht in „Lohnarbeit und Kapital“ das Geheimnis der bürgerlichen Produktionsweisen und Doppelsklaverei der Arbeiter zu zeigen und mit Beispielen den Arbeitern klar zu machen, dass der Arbeitslohn kein gerechter Austausch von kommodifizierter Arbeit gegen Lohn ist, sondern der Lohn ein kleiner Wertteil dessen ist, was der Arbeiter produziert hat. Um die politischen Ökonomen zu widerlegen, beweist Marx statistisch den hohen Anteil unbezahlter Arbeit, die der Arbeiter zwar gearbeitet, aber kein Geld dafür erhalten hat. (MEW 6 1973b, 400ff)

„Der Leibeigne gehört zum Grund und Boden und wirft dem Herrn des Grund und Bodens Früchte ab. Der freie Arbeiter dagegen verkauft sich selbst, und zwar stückweis. Er versteigert 8, 10, 12, 15 Stunden seines Lebens, einen Tag wie den andern, an den Meistbietenden, an den Besitzer der Rohstoffe, der Arbeitsinstrumente und Lebensmittel, d.h. an den Kapitalisten. Der Arbeiter gehört weder einem Eigentümer noch dem Grund und Boden an, aber 8, 10,12, 15 Stunden seines täglichen Lebens gehören dem, der sie kauft. Der Arbeiter verläßt den Kapitalisten, dem er sich vermietet, sooft er will, und der Kapitalist entläßt ihn, sooft er es für gut findet, sobald er keinen Nutzen oder nicht den beabsichtigten Nutzen mehr aus ihm zieht. Aber der Arbeiter, dessen einzige Erwerbsquelle der Verkauf der Arbeitskraft ist, kann nicht die ganze Klasse der Käufer, d.h. die Kapitalistenklasse verlassen, ohne auf seine Existenz zu verzichten. Er gehört nicht diesem oder jenem Kapitalisten, aber der Kapitalistenklasse; und es ist dabei seine Sache, sich an den Mann zu bringen, das heißt in dieser Kapitalistenklasse einen Käufer zu finden.“ (MEW 6 1973b, S. 401)

Diese Analysen von Marx werden später in „Grundrisse der politischen Ökonomie“, in „Kritik der politischen Ökonomie“ und im „Kapital“ ausführlich bearbeitet. Die Marxschen Analysen der Kritik der politischen Ökonomie sind, wie Engls auf Marx Grab bei dessen Beerdigung sagt, eine Revolution in der Wissenschaft:

„Karl Marx war einer jener hervorragenden Männer, von denen ein Jahrhundert nur wenige hervorbringt. Charles Darwin entdeckte das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur auf unserem Planeten. Marx ist der Entdecker jenes grundlegenden Gesetzes, das den Gang und die Entwicklung der menschlichen Geschichte bestimmt, ein Gesetz, so einfach und einleuchtend, daß gewissermaßen seine bloße Darlegung genügt, um seine Anerkennung zu sichern“ (MEW 19 1962a, S. 333)

Engels betont, dass Marx bis zum Ende seines Lebens revolutionär war, sich selbst auch so bezeichnete und für die Befreiung der lohnabhängige Klasse käpmfte. Marx steht als Begründer von 1864 bis 1872 an der Spitze der internationalen Arbeiterassoziation und hat wegen seiner radikalen revolutionären Weltanschauung sehr viele politische Feinde, aber keinen einzigen persönlichen Feind. (MEW 19 1962a, S. 333–334)

Marx wurde häufig stückweise gelesen und falsch verstanden, wie Petersen und Faber schreiben wegen der Vielseitigkeit seiner Theorie und Analyse, in der er versuchte, viele Wedersprüche miteinander in Verbindung bringen. Das darf aber die Attraktivität der Marxschen Analyse für den Leser nicht beseitigen, sondern macht sie im Gegenteil erst wirklich interessant. (Petersen et al. 2014, S. 31) Während Rousseau zwar als erster das Privateigentum als Quelle aller Ungleichheiten sah, aber die Umverteilung des Eigentums als Lösung der Ungleichheit vorschlug, ist Marx überzeugt, dass nur durch die Überwindung der bürgerlichen Produktionsweise und Sozialisierung des Privateigentums an Produktionsmitteln die Unterdrückten befreit werden können. Insofern ist es ungerecht, Rousseau als Sozialisten zu bezeichnen. (Hobsbawm 2014, S. 33)

Im Gegensatz zu Philosophen wie Hegel und Kant, die die bürgerliche Verfassung als höchste Stelle der Befreiung gesehen haben, war Marx der Meinung, dass die Befreiung der Menschen nie in Kapitalismus zustande kommen wird, weil der Kapitalismus als eine moderne Stufe der Sklaverei nicht mit einer gerechten Verfassung die Unterdrückten befreien kann. Seine Staatstheorie, die man aus verschiedenen Schriften zusammenbringen muss, muss zum Hinwirken auf eine kommunistische Art der Abschaffung des bürgerlichen Staates als Vertreter des kapitalistischen Klasse führen. Marx unternimmt während seines Leben die größte Revolution in der Wissenschaft. Trotz seiner finanziellen und gesundheitlichen Probleme nimmt er die Lehre der verschiedenen nichtwissenschaftlichen vormodernen und nichtproletarischen Sozialisten Mazzini, Proudhon, Bakunin sowie den englischen liberalen Trade-Unionismus und die Lassalleanischen Rechtsschwankungen in Deutschland mit Hilfe von Engels auseinander und entwickelt die tiefste Analyse in Bezug auf den Umgang mit der bürgerlichen Gesellschaft und Herrschaft. (Lenin 1914 (1929); Korsch und Gerlach 1975, 3ff) Nach der Zerschlagung der Pariser Kommune schreibt Marx eine tiefgründige Analyse und solidarische Kritik mit dem Titel „Bürgerkrieg in Frankreich“. (Marx 1962)

Marx übernimmt die Theorie der „Diktatur des Proletariats“ aus den Schriften von August Blanqui (Haug 1995, S. 720), weil er in jeder Form der Herrschaft des Menschen über anderen Menschen eine Form von Diktatur sah. (Lenin 1972) Engels schreibt in der Einleitung zu Marx Buch „Bürgerkrieg in Frankreich“, dass die Pariser Kommune die Diktatur des Proletariats war: „Der deutsche Philister ist neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktatur des Proletariats. Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats.“ (MEW 22 1963a, S. 199)

Nach der Spaltung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), von Marx Erste Internationale genannt, wegen Konflikten mit den Anhängern Bakunins, setzt Marx nach dem Haager Kongress die Verlegung des Generalrats der Ersten Intentionalen nach New York durch, um auch dort die internationale Arbeiterklasse zusammenzubringen. Marx ist danach politisch nicht mehr aktiv und körperlich und geistig erschöpft. Doch trotz seiner Krankheit und finanzieller Probleme bringt Marx seine Forschungen voran. Gelegentlich arbeitet er in dieser Zeit am zweiten und dritten Band des Kapitals und studiert gleichzeitig die Agronomie der amerikanischen und russischen ländlichen Verhältnisse, den Geldmarkt und das Bankwesen, schließlich auch Naturwissenschaften: Geologie und Psychologie, und Mathematik; letztere auch mit Erstellung eigener Arbeiten.

Marx bleibt immer revolutionär, auch wenn andere sein Leben und seine Theorie in die Phasen der Rebellion („früher Marx“) und des reflektierten, vorsichtigen alten Mannes („später Marx“) teilen wollen. In der Auseinandersetzung mit Anhängern von Lasalle in Gotha im Jahr 1975 zeigt Marx seine tiefgründige revolutionäre Theorie in seiner Schrift „Zur Kritik Gothaer Programms“. In diesem letzten von ihm veröffentlichten Buch verteidigt Marx klarer und reflektierter als in all seinen anderen Schriften den Kommunismus. Engels kritisiert den deutschen akademischen Anti-Marxisten Eugen Dühring in dieser Zeit in seinem Buch „Anti-Dühring“ scharf und verteidigt Marx wissenschaftlichen Sozialismus. (Callinicos 2011, S. 58)

Am 2. Dezember 1881 stirbt Jenny Marx, am 14. März 1883 entschläft Marx still in seinem Lehnstuhl. Engels schreibt Friedrich Sorge nach dem Tod von Marx: „Die Menschheit ist um einen Kopf kürzer gemacht, und zwar um den bedeutendsten Kopf, den sie in der heutigen Zeit hatte.“ (Callinicos 2011, S. 62) Er wurde neben Jenny Marx und Helene Demuth, die treue Dienerin und Mitglied der Familie Marx, auf dem Highgate-Friedhof in London begraben. (Lenin 1914 (1929))

Das Philosophieren der bürgerlichen Revolutionen und der Konterrevolution bei Marx und Engels 

In  Erinnerung der Verdeammten der Pariser Kommune

Hassan Maarfi Poor

in der Bearbeittung

Eric Hobsbawm als einer der bedeutendsten Historiker und Marxisten aller Zeiten bezeichnet die Zeit zwischen 1979 und 1848 als „Age of Revolution“ und versucht im gleichnamigen Buch, die Doppeldeutigkeit und den Dualismus der bürgerlichen Revolutionen nach der Französischen darzustellen. Hobsbawm ist der Meinung, dass die bürgerlichen Revolutionen in einem Teil der Welt, namentlich Westeuropa und Nordamerika, in Form von Explosionen die Macht des Kapitals und der kapitalistischen Klasse über die anderen befestigte, im Gegensatz zu den Forderungen und Ideen der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit und „Brüderlichkeit“). So erscheinen diese Revolutionen gar als Gegnerinnen ihrer eigenen Forderungen: die Transformation der Gesellschaft auf die nächste Stufe der kapitalistischen Wirtschaft, welche die Ideen von Freiheit, Gleichheit, Liberalismus, usw. überrollt. Nach Hobsbawm sind diese Widersprüche der bürgerlichen Revolutionen zwischen ihren Ideen und der tatsächlichen Wirtschaft des Kapitalismus eine Grundlage, aus der der moderne wissenschaftliche Sozialismus von Marx und Engels geboren wird und als deren Folge Marx und Engels das Manifest der kommunistischen Partei schreiben. (Hobsbawm 1996, S. 1–4) 

Marx hat keine historischen Abhandlungen geschrieben im Sinne der Geschichte, wie Historiker sie verstehen. Er setzt sich in seinen Schriften jedoch häufig historisch, politisch, philosophisch und journalistisch mit einem historisch-materialistischen Verständnis mit seiner Gegenwart auseinander, wie im „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ und „Klassenkämpfe in Frankreich“, die trotz ihrer journalistischen Methode eine bemerkenswerte Historiografie ihrer Zeit sind und bis heute ihre Bedeutung nicht verloren haben. Insbesondere „Das Kapital“ von Marx kann man als Historisierung der kapitalistischen Produktionsweise bezeichnen. (Hobsbawm 1998, S. 204–205) Marx materialistische Geschichtsauffassung wird in „Die deutsche Ideologie“ besonders klar dargestellt. Er schreibt hierin: „Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein. In der ersten Betrachtungsweise geht man von dem Bewußtsein als dem lebendigen Individuum aus, in der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechenden, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrachtet das Bewußtsein nur als ihr Bewußtsein“. (MEW 3 1969a, S. 27) Die vollständige Erklärung der materialistischen Geschichtsauffassung wird später im „Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie“ herausgearbeitet, wo Marx die Produktionsverhältnisse als ökonomische Basis eines Überbaus definiert, die das kulturelle, moralische und politische Leben der Menschen bestimmt. (Hobsbawm 1998, S. 209) Die Debatte um „Basis“ und „Überbau“ führte in der Geschichte des Marxismus und Antikommunismus zu vielen Missverständen. Einige gingen und gehen davon aus, Marx sehe die Menschen als passive Objekte und andere bezeichnen die Marxsche Analyse als eine mechanische Betrachtung der Entwicklung der Gesellschaft. Ein besonders herausstechender Vertreter dieses Missverständnisses ist Karl Popper als Vertreter des irrationalen Positivismus und Antikommunismus, der Eduard Bernstein und teilweise Karl Kautsky als zwei der größten Vertreter des „sozialistischen“ Positivismus und „Revisionismus“ nahesteht. Marx vertritt aber nicht die positivistische Auffassung, obwohl er teilweise und besonders in „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ einigermaßen positivistische Analysen in Bezug auf das „Gesetzes des tendenziellen Falls des Profites“ vorlegt,  (MEW 25 2019, 221ff) die er jedoch später, im dritten Band des Kapitals, ergänzt und weiterführt. Marx beschreibt in den Grundrissen, dass das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate eine Furcht des Kapitalismus ist und die Zerstörung des Systems sowie die Negation der bürgerlichen Produktionsweise werden kann. (MEW 42 2005, 641ff) In „Die deutsche Ideologie“ legt Marx ausführlich die Rolle der Praxis des Menschen in der Veränderung der Ideen und die Weiterentwicklung der Ideen als Ergänzung und Verbessrung der Praxis dar. (MEW 3 1969a, 36ff)  In „Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ schreibt Marx, dass die Menschen zwar ihre eigene Geschichte machen, aber nicht unter selbstgewählten, „sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“. (MEW 8 1960a, S. 115)  Insofern muss jede mechanistische Auslegung der Marxschen Theorie zurückgewiesen werden, wie wir sie bei Positivisten wie Popper in „Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (Carius et al. 2016) oder in Bernsteins und Kautskys Auslegung der automatischen Entwicklung der Gesellschaf zum Sozialismus finden. Mit der Marxschen materialistischen und dialektischen Geschichtsauffassung haben sie nichts zu tun. 

Wenn wir die bürgerlichen Revolutionen als Beispiel nehmen für die Veränderung der Gesellschaft und das Machen der Geschichte durch die Menschen, können wir nicht sagen, die Bourgeoisie als Klasse hätte den Ablauf der Revolution von vorne herein geplant. (Hobsbawm 1998, S. 218–219) Eric Wolf ergänzt in seinem herausragenden Buch „Die Völker ohne Geschichte“ Marx materialistische Geschichtsauffassung aus einer ethnologischen Perspektive, indem er das Basis-Überbau-Verhältnis wieder diskutiert und beschreibt, wie bei der Transformation der Gesellschaften unterschiedliche Produktionsweisen zusammenkommen und nebeneinander existieren. So existierte zum Beispiel die koloniale Produktionsweise neben der feudalistischen und bürgerlichen Produktionsweise in den bürgerlichen Staaten wie den USA und anderen europäischen Ländern. Die Besonderheit der Marxschen Theorie ist, dass sie diese Form der Produktionsweisen, die parallel neben der kapitalistischen existieren, genau darstellt. (Hobsbawm 1998, 218ff)

Das Verhältnis von Marx und Engels zur bürgerlichen Revolution ist doppelseitig, weil die Bourgeoisie diese Doppelseitigkeit in sich trug und Marx und Engels diese widergeben und schließlich überwinden wollen. (Hobsbawm 1998, 214ff) Im „Manifest der kommunistischen Partei“ bezeichnen Marx und Engels die Bourgeoisie als revolutionäre Kraft, die durch die Vernichtung der feudalen Herrschaft und die Entwicklung der großen Industrie zulasten der Manufaktur die Klassenkämpfe und Klassengegensätze vertiefte und gleichzeitig auf eine neue Stufe der Entwicklung hob durch die Entwicklung der Dampfmaschine, der Lohnarbeit und Bürokratisierung aller Lebensbereiche. Die Bourgeoisie schuf damit eine Klasse der Lohnabhängigen und Besitzlosen, die sie mit der von der Bourgeoisie selbst entwickelten Waffe der Revolution und Gewalt die Bourgeoisie zerschlagen wird. (MEW 4 1969c, S. 462–474) „Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.“ (MEW 4 1969c, S. 465) Die Bourgeoisie hat den Weltmarkt geschaffen und die Globalisierung des Kapitals durchgeführt. Sie hat die Produktionsinstrumente verbessert und dadurch die Kommunikation zwischen allen Menschen erleichtert. Sie bringt „barbarische Nationen“ zur Zivilisation. Die Bourgeoise hat das Land der Herrschaft der Städte untergeordnet und das Eigentum in den Händen der besitzenden Klasse zentralisiert. „Die Waffen, womit die Bourgeoisie den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie selbst. Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden - die modernen Arbeiter, die Proletarier“. (MEW 4 1969c, S. 468)

In jeder Epoche treten drei verschiedene Ideologien auf, die sich auf das Interesse ihrer jeweiligen Bewegung in der Gesellschaft berufen. Marx nennt diese Bewegungen die reaktionäre, die konservative und die revolutionäre. Alle anderen Strömungen in der Gesellschaft sind Teile dieser drei Hauptbewegungen. (MEW 4 1969c, 468ff)  Marx und Engels sind der Meinung, dass die Bourgeoisie nicht existieren kann, ohne Produktionsinstrumente und Produktionsverhältnisse zu revolutionieren. Die Revolutionierung der Produktionsinstrumente schafft nicht nur die zwei Hauptklassen, die keine gemeinsamen Interessen haben, sondern auch Widersprüche, da die Bourgeoise als „führende“ Kraft auf den Schultern des Proletariats trotz der Revolutionierung der Produktionsverhältnisse die Mächte und die Ideologie der Vergangenheit in der Gegenwart wieder aufleben lässt. (MEW 8 1960b, 5; MEW 4 1969c, S. 465, 1969a, 361ff) In der „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund“ im März 1850 versuchen Marx und Engels, ein reales Bild der gescheiterten Revolution 1848 und der beteiligten Parteien zu malen, die wie die Liberalen, die kleinbürgerlich-demokratischen Fraktionen und dergleichen die Rolle der Konterrevolution als Gegner der Arbeiterklasse spielen. Diese Parteien und Fraktionen schlagen sich aufgrund ihrer Interessen und ihrer bürgerlichen bzw. kleinbürgerlichen Weltanschauung auf die Seite der Reaktionären und verraten die revolutionäre Klasse. Marx und Engels reflektieren diese verratene Revolution sehr radikal und reden von dem letztlichen Sieg des Proletariats, das als Partei durch das Erkennen seiner Interessen und seiner Feinde in der Zukunft die Revolution in Permanenz führen soll. (Marx und Engels 1980, S. 98–108)

In dem kurzen Text „Die Bourgeoisie und die Konterrevolution“ zeigt Marx genau die Heuchelei der Bourgeoisie in Bezug auf die Revolution 1848 in Deutschland auf. Marx charakterisiert kurz die bürgerliche Revolution von 1648 in England, die Revolution von 1789 in Frankreich und die Revolution von 1848 in Deutschland. (Marx 1980, 58ff) Er erklärt die Unterschiede der Bourgeoisie zwischen Februar 1848 am Anfang der Revolution und der reaktionären Bourgeoisie im Dezember 1848: „Die preußische Bourgeoisie war auf die Staatshöhn geworfen, aber nicht wie sie gewünscht hatte, durch eine friedliche Transaktion mit der Krone, sondern durch die Revolution. Nicht ihre eigenen Interessen, sondern die Volksinteressen gegen die Krone, d. h. gegen sich selbst vertreten, dann eine Volksbewegung hatte ihr die Wege breitet. Die Krone war aber in ihren Augen eben nur der gottesgnadliche Schirm, hinter dem ihre eigenen profanen Interessen und der ihrem Interesse entsprechenden politischen Formen sollte,  in die konstitutionelle Sprache übersetzt, lauten: Unantastbarkeit der Krone. Daher die Schwärmerei der deutschen und speziell der preußischen Bourgeoisie für die konstitutionelle Monarchie.“ (Marx 1980, S. 58) Marx weißt darauf hin, dass man die preußische Märzrevolution von 1848 nicht mit der englischen Revolution von 1648 und französischen Revolution von 1789 gleichsetzen kann: „1648 war die Bourgeoisie mit dem modernen Adel gegen das Königtum, gegen den feudalen Adel und gegen die herrschende Kirche verbunden.

1789 war die Bourgeoisie mit dem Volk verbunden gegen Königtum, Adel und herrschende Kirche.“ (Marx 1980, S. 59)

Marx beschreibt, wie die Revolution von 1789 im Gegensatz zur Revolution von 1848 Vorbilder hat. Die Vorbilder sind die englische Revolution 1648 und der Aufstand der Niederländer gegen Spanien im gleichen Jahr. Von der Märzrevolution 1848 unterscheiden sich die bürgerlichen Revolutionen von 1648 und 1789 dadurch, dass die Bourgeoisie an der Spitze der Bewegung steht und andere Klassen wie das Proletariat und nicht der Bourgeoisie angehörige Fraktionen entweder keine selbständigen, entwickelten Klassen bilden können oder keine von der Bourgeoisie getrennten Interessen haben. (Marx 1980, S. 59) Von 1793 bis 1794 treten diese Klassen der Bourgeoise entgegen, aber nur, indem sie gegen die Feinde der Bourgeoisie kämpfen, also für deren Interesse, aber mit anderen Methoden. „Der ganze französische Terrorismus war nichts als eine plebejische Manier, mit den Feinden der Bourgeoisie, dem Absolutismus, dem Feudalismus und dem Spießbürgertum fertigzuwerden.“ (Marx 1980, Ebd.) 

Ein weiterer Unterschied, der von Marx charakterisiert wird, ist, dass die Revolutionen von 1648 und 1979 nicht englische und französische Revolutionen seien, sondern europäische, die nicht in der Lage sind, den Sieg einer Klasse über die anderen Klassen hervorzubringen. Marx bezeichnet diese Revolutionen als Proklamation der politischen Ordnung für die neue europäische Gesellschaft und nicht den Sieg einer bestimmten Klasse über die alte politische Ordnung: (Marx 1980, S. 60)  „[A]ber der Sieg der Bourgeoisie war damals der Sieg einer neuen Gesellschaftsordnung, der Sieg des bürgerlichen Eigentums über das feudale, der Nationalität über den Provinzialismus, der Konkurrenz über die Zunft, der Teilung über das Majorat, der Herrschaft des Eigentümers des Bodens über die Beherrschung des Eigentümers durch den Boden, der Aufklärung über den Aberglauben, der Familie über den Familiennamen, der Industrie über die heroische Faulheit, des bürgerlichen Rechts über die mittelaltrigen Privilegien. Die Revolution von 1648 war der Sieg des 17. Jahrhunderts über das 16. Jahrhundert, die Revolution von 1789 der Sieg des 18. Jahrhunderts über das 17. Jahrhundert. Diese Revolutionen drückten mehr noch die Bedürfnisse der damaligen Welt als der Weltausschnitte aus, in denen sie vorfielen, Englands und Frankreichs.“ (Marx 1980, S. 60)

Besonders in der preußischen Märzrevolution ist u.a., dass sie in einer Zeit stattfindet, in der Deutschland nicht als Land existiert. Zur Zeit der Revolution bestehen die preußischen Staaten aus 39 souveränen Staaten, die verschiedene Regionen regieren. (Hammen 1972, S. 241) Die preußische Märzrevolution 1848 soll das konstitutionelle Königtum als Idee und die Herrschaft der Bourgeoisie als Tatsache schaffen, nachdem die Februarrevolution ersteres als Tatsache und zweites als Idee hatte abschaffen wollen. Weit entfernt davon, eine europäische Revolution zu sein, ist sie eher eine „verkümmerte Nachwirkung einer europäischen Revolution in einem zurückgebliebenen Lande“. (Marx 1980, S. 60) Diese Revolution bleibt ihrer Zeit mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Sie ist keine Revolution nach vorne, sondern eher eine rückwärtsgewandte Folgeerscheinung der anderen Revolutionen, also sekundär: „[E]s ist bekannt, dass sekundäre Krankheiten schwer zu heilen sind und den Körper mehr verwüsten als die primitiven. Es handelte sich nicht um die Herstellung einer neuen Gesellschaft, sondern um die Berliner Wiedergeburt der zu Paris verstorbenen Gesellschaft. Die preußische Märzrevolution war nicht einmal national, deutsch, sie war von vornherein provinziell-preußisch“. (Marx 1980, S. 60) 

Die preußische Bourgeoisie vertritt weder ihre Klasse noch das Proletariat, weil sie historisch zurückgeblieben ist und schon zur Zeit der Revolution eigentlich der Vergangenheit angehört. Sie ist nicht wie die französische Bourgeoisie eine Repräsentantin der modernen Gesellschaft, sondern der alten. Sie rückt durch den Druck von Unten an die Spitze der Revolution, ohne revolutionär zu sein. Sie steht gegen das Volk als seine Verräterin und zeigt sich kompromissbreit mit dem Adel. Sie sieht sowohl das Volk als auch die Vertreter der alten Welt hinter sich. Sie ist oppositionslustig sowohl gegen das Volk als auch gegen die Krone. (Marx 1980, S. 61) Marx beschriebt in kurzen Worten diese Klasse, die von Unten dazu gedrängt wird, an die Macht zu kommen, ohne an sich und an die Bevölkerung zu glauben. Nach Marx ist die deutsche Bourgeoisie eine Klasse „[O]hne Glauben an sich selbst, ohne Glauben an das Volk, knurrend gegen oben, zitternd gegen unten, egoistisch nach beiden Seiten und sich ihres Egoismus bewußt, revolutionär gegen die Konservativen, konservativ gegen die Revolutionäre, ihren eigenen Stichworten mißtrauend, Phrasen statt Ideen, eingeschüchtert vom Weltsturm, den Weltsturm exploitierend - Energie nach keiner Richtung, Plagiat nach allen Richtungen, gemein, weil sie nicht originell war, originell in der Gemeinheit - schachernd mit ihren eigenen Wünschen, ohne Initiative, ohne Glauben an sich selbst, ohne Glauben an das Volk, ohne weltgeschichtlichen Beruf - ein vermaledeiter Greis, der sich dazu verdammt sah, die ersten Jugendströmungen eines robusten Volks in seinem eigenen altersschwachen Interesse zu leiten und abzuleiten - ohn' Aug! ohn' Ohr! ohn' Zahn, ohn' alles - so fand sich die preußische Bourgeoisie nach der Märzrevolution am Ruder des preußischen Staates.“ (Marx 1980, S. 61)

Im zweiten Teil des Artikels schreibt Marx über die Heuchelei der Bourgeoisie in der Märzrevolution und zeigt, wie die Monarchie und Bourgeoisie sich zusammenschließen, um eine Karikatur des Gesellschaftsvertrags zu entwickeln. „Die Vereinbarungstheorie, welche die im Ministerium Camphausen zur Regierung gelangte Bourgeoisie sofort als "breiteste" Grundlage des preußischen contrat social <Gesellschaftsvertrages> proklamierte, war keineswegs eine hohle Theorie; sie war vielmehr gewachsen auf dem Baume des "goldnen" Lebens.

Die Märzrevolution hat den Souverän von Gottes Gnaden keineswegs dem Volkssouveräne unterjocht. Sie hat nur die Krone, den absolutistischen Staat, gezwungen, sich mit der Bourgeoisie zu verständigen, sich mit ihrem alten Rivalen zu vereinbaren.

Die Krone wird der Bourgeoisie den Adel, die Bourgeoisie wird der Krone das Volk opfern. Unter dieser Bedingung wird das Königtum bürgerlich und die Bourgeoisie königlich werden.“ (MEW 6 1973a, S. 109)

Nach der Revolution gibt es Marx zufolge zwei Mächte, die sich wechselseitig als Blitzableiter der Revolution darstellen und sich auf die „demokratische Ordnung“ berufen. Marx schreibt ironisch über diese zwei Mächte: „Das war das Geheimnis der Vereinbarungstheorie.“ (MEW 6 1973a, S. 110) Er kommt zu dem Urteil, die Zeit der bürgerlichen Revolutionen in Europa sei vorbei, weshalb er und Engels in „Manifest der kommunistischen Partei“ vom „Gespenst des Kommunismus“ sprechen. (MEW 4 1969c, S. 462) Die Bourgeoise ist in der Märzrevolution nicht mehr die Klasse wie in der französischen Revolution.  Sie ist eine konterrevolutionäre Klasse, die auf den Schultern des Proletariats und durch den radikalen Druck des Proletariats an die Spitze der Revolution gesetzt wird, aber gegen das Interesse des Proletariats mit den Vertretern der Monarchie einen Vertrag schließt. Weil das Proletariat sich noch nicht zu einer Klasse an sich entwickelt hatte und noch nicht die Waffen in Händen hält, mit denen der Feudalismus zerschlagen wurde, kann die Bourgeoisie mit diesen Waffen die Weiterführung der Revolution durch eine konterrevolutionäre Repression von oben stoppen und die Kommunisten und Anarchisten als Gegner der bürgerlichen Konterrevolution besiegen. (MEW 6 1973a, S. 111) 

„Die Revolution war der Protest des Volkes gegen die Vereinbarung der Bourgeoisie mit der Krone. Die mit der Krone sich vereinbarende Bourgeoisie mußte also protestieren gegen - die Revolution.

Und das geschah unter dem großen Camphausen. Die Märzrevolution wurde nicht anerkannt. Die Berliner Nationalrepräsentation konstituierte sich als Repräsentation der preußischen Bourgeoisie, als Vereinbarerversammlung, indem sie den Antrag auf Anerkennung der Märzrevolution verwarf.“ (MEW 6 1973a, S. 111)

Marx charakterisiert die Revolution und Konterrevolution in diesem Zitat und zeigt, warum die Revolution scheitert. Die Bourgeoisie ergreift statt des Proletariats die Macht und übernimmt den Staat in einem Kompromiss mit der Krone. Sie instrumentalisiert das Volk für ihre Interessen und erklärt den radikalen Flügel in der Bevölkerung als Feind und die Repression gegen sie als Recht. Die Bourgeoisie vernichtet den Rechtstitel des revolutionären Volkes und gewinnt dadurch den Rechtsboden der konservativen Bourgeoisie. (MEW 6 1973a, S. 111)

Marx schreibt hierzu: „Der Rechtsboden, und zwar der preußische Rechtsboden!

Der Rechtsboden, auf dem sich nach dem März der Ritter der großen Debatte, Camphausen, das wiedererweckte Gespenst des Vereinigten Landtags und die Vereinbarerversammlung bewegen, ist er das Konstitutionsgesetz von 1815 oder das Landtagsgesetz von 1820, oder das Patent von 1847, oder das Wahl- und Vereinbarungsgesetz vom 8. April 1848?

Nichts von alledem. Der "Rechtsboden" bedeutete einfach, daß die Revolution ihren Boden nicht gewonnen und die alte Gesellschaft ihren Boden nicht verloren habe, daß die Märzrevolution nur ein "Ereignis" sei, welches den "Anstoß" zu der längst innerhalb des alten preußischen Staats vorbereiteten "Verständigung" zwischen dem Throne und der Bourgeoisie gegeben, deren Bedürfnis die Krone selbst in frühern (sic!) allerhöchsten Erlassen schon ausgesprochen und nur vor dem März für nicht "dringlich" erachtet habe “ (MEW 6 1973a, S. 112)

Marx beschreibt, wie Camphausens Ministerium seine Aufgabe hat als Vermittler zwischen dem Flügel der Bourgeoisie, der sich auf das Volk beruft, und demjenigen, der in engem Verhältnis mit der Krone steht. Es baut zwischen ihnen eine Brücke, um den passiven Widerstand gegen den aktiven Widerstand und die Revolution zu vertreten. (MEW 6 1973a, S. 113) 

Camphausens Abtritt aus dem Ministerium hat nach Marx einen einfachen Grund: Als erster Ministerpräsident kann er direkt mit der Märzrevolution und dem Volksdiktator in Zusammenhang gebracht werden. Am 26. Juli macht Hansemann kurzen Prozess mit dem Ministerium Camphausens und erklärt in seinem Programm, die konstitutionelle Monarchie auf ihre „breiterste demokratische Grundlage“ zu bringen. Tatsächlich passt er sie aber der Bourgeoisie an und beide versuchen gemeinsam, das Kapital gegen die Lohnarbeit zu schützen und den Krieg gegen das Proletariat unter dem Deckmantel der „Wiederherstellung des gestörtesten Vertrauens“ zu legitimieren und durchzusetzen. (MEW 6 1973a, S. 113–117)

„Das Ministerium der Tat war seiner ganzen Zusammensetzung nach schon ein Protest gegen diese "Reaktion".

Vor allen früheren preußischen Ministerien zeichnete es sich nämlich dadurch aus, daß sein wirklicher Ministerpräsident der Finanzminister war. Der preußische Staat hatte jahrhundertelang aufs sorgfältigste verheimlicht, daß Krieg und Inneres und auswärtige Angelegenheiten und Kirchen- und Schulsachen und sogar das königl[iche] Hausministerium und Glaube, Liebe und Hoffnung den profanen Finanzen untergeordnet sind. Das Ministerium der Tat stellte diese verdrießlich-bürgerliche Wahrheit an seine Spitze, indem es Herrn Hansemann an seine Spitze stellte, den Mann, dessen ministerielles Programm gleich seinem Oppositionsprogramme sich dahin resümierte:

"Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf!"

Die Monarchie war in Preußen zu einer "Geldfrage" geworden.“ (MEW 6 1973a, S. 117)

Das preußische Bürgertum beweist in der Märzrevolution, dass es kein Revolution machendes Volk ist und die Bourgeoisie sich in ihrer Zusammenarbeit mit der Monarchie nie als revolutionäre Kraft darstellen kann. Die Geschichte der Märzrevolution beweist, dass die bürgerliche Revolution in Deutschland die Restaurierung der Monarchie war. Die alten Beamten der feudalen Herrschaft, die alte Polizei und Bürokraten wurden wieder als Staatsmänner für das Ausüben der Repression gegen das Proletariat angestellt. (MEW 6 1973a, 117ff) Diese Geschichte beweist gleichzeitig:

 „daß (sic!) in Deutschland eine rein bürgerliche Revolution und die Gründung der Bourgeoisherrschaft unter der Form der konstitutionellen Monarchie unmöglich, daß (sic!) nur die feudale absolutistische Kontrerevolution möglich ist oder die sozial-republikanische Revolution.

Daß (sic!) aber selbst der lebensfähige Teil der Bourgeoisie wieder aus seiner Apathie erwachen muß, dafür bürgt uns vor allem die Monsterrechnung, wo mit die Kontrerevolution ihn im Frühling überraschen wird und - wie unser Hansemann so sinnig sagt: Meine Herren! In Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf! Gehen wir nun von dem Programme des Ministeriums der Tat zu seinen Taten über.“ (MEW 6 1973a, S. 124)

In „Lohnarbeit und Kapital“ geht Marx auf die bürgerliche Revolution ein und stellt die Klassenkämpfe in der Geschichte der bürgerlichen Revolutionen als Instrument der Entwicklung der Gesellschaft dar. Gleichzeitig verdeutlicht er auch hier die Unterschiede zwischen der bürgerlichen Revolution in Frankreich und der in Deutschland. Er zeigt, wie die bürgerliche Revolution in Deutschland die Unterjochung der Arbeiterklasse mit sich bringt und auf der anderen Seite eine Doppelsklaverei (englisch-russisch) schafft. In Frankreich leiten die kämpfende, zusammengeschlossene Bourgeoisie und Bauernklasse durch ihren Sieg und das Erreichen der „honetten“ Republik den Fall der Nation ein.(MEW 6 1973b, S. 397) Marx will hier erklären, dass die Französische bürgerliche Revolution im Gegensatz zu der regionalistischen Februar- und Märzrevolution 1848 in Deutschland eine europäische Revolution ist. 

„Der Junikampf zu Paris, der Fall Wiens, die Tragikomödie des Berliner November 1848, die verzweifelten Anstrengungen Polens, Italiens und Ungarns, Irlands Aushungerung - das waren die Hauptmomente, in denen sich der europäische Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse zusammenfaßte, an denen wir nachwiesen, daß jede revolutionäre Erhebung, mag ihr Ziel noch so fernliegend dem Klassenkampf scheinen, scheitern muß, bis die revolutionäre Arbeiterklasse siegt, daß jede soziale Reform eine Utopie bleibt, bis die proletarische Revolution und die feudalistische Kontrerevolution sich in einem Weltkrieg mit den Waffen messen. In unsrer Darstellung, wie in der Wirklichkeit, waren Belgien und die Schweiz tragikomische karikaturmäßige Genrebilder in dem großen historischen Tableau, das eine der Musterstaat der bürgerlichen Monarchie, das andre der Musterstaat der bürgerlichen Republik, beides Staaten, die sich einbilden, ebenso unabhängig von dem Klassenkampf zu sein wie von der europäischen Revolution“. (MEW 6 1973b, S. 397–398)

In „Revolution und Konterrevolution in Deutschland“ versucht Engels, die Lage der revolutionären Völker Europas und besonders Deutschlands darzustellen und die Konterrevolution zu charakterisieren. Engels ist der Meinung, dass die spontane revolutionäre Bewegung sich nicht nur in Deutschland, sondern auf dem gesamten europäischen Kontinent finde und diese Bewegung ein gesellschaftliches Bedürfnis der Nation für eine radikale Veränderung ausdrücke. Er schreibt im ersten Kapitel des Buches im Jahr 1851 nach dem Sieg der Konterrevolution über die Revolution, diese Revolution könne von der Konterrevolution zurückgeschlagen werden oder die eine oder andere Person als Verräter des Volkes nach dem Umsturz der Revolution dargestellt werden. (MEW 8 1960b, 5) Er schreibt: „Diese Antwort mag zutreffen oder auch nicht, je nach den Umständen, aber unter keinen Umständen erklärt sie auch nur das Geringste, ja sie macht nicht einmal verständlich, wie es kam, daß das "Volk" sich derart verraten ließ.“ (MEW 8 1960b, 6)

Er beschreibt die Umstände und Lage der Masse der Bevölkerung und des Kleinbürgertums, die weder der Bourgeoisie noch dem Königtum angehören, wobei die Arbeiterklasse und Bourgeoisie in Deutschland in ihrer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung im Vergleich zu England und Frankreich zurückgebliebener seien. (MEW 8 1960b, 9ff) Er beschreibt, wie die Mehrheit der bürgerlichen Politiker sich ab 1847 als „Sozialist“ bezeichnen, um die Aufmerksamkeit und Sympathien der Arbeiterklasse und Bauern zu sichern, die einen Großteil der Bevölkerung darstellen. (MEW 8 1960b, 21) Ein Teil der Arbeiter wandert in den 1840er Jahren oder vorher wegen staatlicher Unterdrückung aus Deutschland aus und nimmt so in der Schweiz oder in Frankreich die sozialistischen Ideen und die Lehre der utopistischen Sozialisten wie Saint-Simon und Furier mehr oder wenig auf. (MEW 8 1960b, Ebd. 22)

„Sehr bald bildete sich in Deutschland eine Schule von Sozialisten, die sich mehr durch die Unklarheit als durch die Neuheit ihrer Ideen auszeichnete. Ihre Tätigkeit bestand hauptsächlich darin, die Lehren von Fourier, Saint-Simon und anderen Franzosen in die abstruse Sprache der deutschen Philosophie zu übertragen. Die Schule der deutschen Kommunisten, die grundverschieden ist von dieser Sekte, bildete sich ungefähr um dieselbe Zeit.“ (MEW 8 1960b, Ebd. 22)

Zu dieser Zeit gibt es in Deutschland keine republikanische Partei. Die Menschen hängen entweder der konstitutionellen Monarchie an oder sie sind Sozialisten und Kommunisten. Anfang 1848 befindet Deutschland sich am Vorabend einer Revolution. Alle Kräfte in der Gesellschaft von den Bürokraten über die industrielle Bourgeoise bis zum Proletariat bereiten sich auf einen Zusammenstoß vor. „[D]iese Revolution wäre bestimmt gekommen, auch wenn ihr Ausbruch nicht durch die französische Februarrevolution beschleunigt worden wäre“. (MEW 8 1960b, Ebd. 23) Während sich in Frankreich die Februarrevolution als proletarische Revolution gegen die Bourgeoisie ankündigte und für die Emanzipation der Arbeiterklasse den Kampf aufnahm, bekam die preußische Bourgeoise Furcht, sich mit den Feinden des Eigentums zusammenzuschließen und gegen die Monarchie zu kämpfen. Obwohl die Arbeiterklasse in Deutschland in der Zeit der Revolution für die Verbesserung ihrer Lage und der Lage der anderen Beteiligten in den demokratischen und revolutionären Kämpfen, wurde diese Klasse sowohl von den Vertretern des großen Kapitals als auch von dem Kleinbürgertum verachtet. (MEW 8 1960b, 39ff, 98ff)

Weiterhin setzt Marx sich in „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte" mit der Konterrevolution auseinander. Dies ist der journalistische Text, der am häufigsten für die Historisierung seiner Gegenwartsgeschichte zitiert wird (Hobsbawm 2014). Zu Beginn des ersten Kapitels des Buches schreibt Marx: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Caussidière für Danton, Louis Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848-1851 für die Montagne von 1793-1795, der Neffe für den Onkel. Und dieselbe Karikatur in den Umständen, unter denen die zweite Auflage des achtzehnten Brumaire herausgegeben wird!“ (MEW 8 1960a, S. 115) 

Die Kontrarevolution durch den Putsch in Frankreich ist nach der Französischen Revolution von 1789 und nach dem Zusammenbruch der französischen Februarrevolution, von der Arbeiterklasse gezielt gegen die Bourgeoisie organisiert, eine Farce. „Die Ironie der Weltgeschichte stellt alles auf den Kopf. Wir, die "Revolutionäre", die "Umstürzler", wir gedeihen weit besser bei den gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz. Die Ordnungsparteien, wie sie sich nennen, gehen zugrunde an dem von ihnen selbst geschaffenen gesetzlichen Zustand. Sie rufen verzweifelt mit Odilon Barrot: la légalité nous tue, die Gesetzlichkeit ist unser Tod, während wir bei dieser Gesetzlichkeit pralle Muskeln und rote Backen bekommen und aussehen wie das ewige Leben. Und wenn wir nicht so wahnsinnig sind, ihnen zu Gefallen uns in den Straßenkampf treiben zu lassen, dann bleibt ihnen zuletzt nichts anderes, als selbst diese ihnen so fatale Gesetzlichkeit zu durchbrechen.“ (MEW 22 1963b, S. 525)

Die Februarrevolution in Frankreich 1848 ist die Folge der Wirtschaftskrise 1845 und der Korruption der Bourgeoisie in England und Frankreich. Obwohl die Arbeiterklasse ihre Emanzipation im Kampf gegen die herrschende Klasse in den Vordergrund stellt, kann sie die Revolution nicht zu Stande bringen. Der Mittelstand wird gezwungen sich – nicht aufgrund von Sympathien, sondern aufgrund der Hoffnung – auf die Seite der Arbeiterklasse zu schlagen. Die Revolution von 1848 in Frankreich wird trotz der radikalen Aufstände der Arbeiterklasse von der Konterrevolution zerschlagen, weil die Arbeiterklasse sich nicht von der Klasse an sich zur Klasse für sich entwickeln kann und die Frage nach Macht und Sozialismus nicht expliziert wird. (MEW 7 1960, S. 12–34)

Das Zerschlagen der Revolution ist nach Marx eine blutige Tragödie, wie er in kurzen Worten zusammenfasst: „Am 20. Dezember existierte nur noch die eine Hälfte der konstituierten Bourgeoisrepublik, der Präsident, am 28. Mai wurde sie ergänzt durch die andre Hälfte, durch die gesetzgebende Versammlung. Juni 1848 hatte die sich konstituierende Bourgeoisrepublik durch eine unsagbare Schlacht gegen das Proletariat, Juni 1849 die konstituierte Bourgeoisrepublik durch eine unnennbare Komödie mit der Kleinbürgerschaft sich in das Geburtsregister der Geschichte eingemeißelt. Juni 1849 war die Nemesis für Juni 1848. Juni 1849 wurden nicht die Arbeiter besiegt, sondern die Kleinbürger gefällt, die zwischen ihnen und der Revolution standen. Juni 1849 war nicht die blutige Tragödie zwischen der Lohnarbeit und dem Kapital, sondern das gefängnisreiche und lamentable Schauspiel zwischen dem Schuldner und dem Gläubiger. Die Partei der Ordnung hatte gesiegt, sie war allmächtig, sie mußte nun zeigen, was sie war.“ (MEW 7 1960, S. 63)

In Folge der Zerschlagung der Revolution 1848 in Frankreich kommt Louis Bonaparte, den Marx als Vertreter der royalistischen Minderheit bezeichnet, mit der Gewalt der Waffen für „die Zurückberufung der verjagten Königsfamilien und die Amnestie der Juniinsurgenten“  an die Macht und wiederholt die „Mächte der Vergangenheit“ „in der Gegenwart“ .  (MEW 7 1960, 64ff)  „Pseudo-Napoleon“, ein Lumpen, der von der Bevölkerung als Wurst bezeichnet wird, schafft im Jahr 1850 das allgemeine Stimmrecht ab und sichert damit die absolutistische Diktatur. (MEW 7 1960, S. 95–107) Mit der Wiedereinführung der Mächte der Vergangenheit durch die brutale Zerschlagung des Widerstandes der Arbeiterklasse ist die Geschichte der „revolutionären“ Bourgeoisie beendet und die Bourgeoisie zeigt ihr wahres Gesicht. 

In „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte" schreibt Marx ausführlich über die Persönlichkeit eines konterrevolutionäres Lumpen, Louis Bonaparte, und schreibt, dass die Akteure der Französischen Revolution wie Camille Desmoulins, Danton, Robespierre,  St-Just, Napoleon, die Heroen, wie die Parteien und die Masse der alten französischen Revolution „in dem römischen Kostüme und mit römischen Phrasen die Aufgaben ihrer Zeit, die Entfesselung und Herstellung der bürgerlichen Gesellschaft“ (MEW 8 1960a, S. 116) vollbringen. Die französischen Bauern wollen mit ihrer Stimme die Ordnung in der Gesellschaft schaffen, wissen aber nicht, dass sie das Imperium des kleinen Mannes, Louis Bonaparte, hervorbringen, der sich selbst als Chef des Lumpenproletariats und dessen Gegner ihn als Wurst bezeichnen. Alle Parteien und Klassen außer des Proletariats schließen sich mit der Partei der Ordnung zusammen, um unter dem Namen der Familie, Religion und Ordnung die „Gesellschaft zu retten“. (MEW 8 1960a, S. 123) Sie retten aber niemanden außer der reaktionären Monarchie, die schon tot war. 

In diesem Buch ist Marx Sprache ironisch aber treffend und beleidigend. Marx zeigt genau, wie die Bourgeoisie wegen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise eine Form der Macht entwickelt, die von der Französischen Revolution zerschlagen worden war. Die „Partei der Ordnung“, wie Marx sie nennt, schafft die Ordnung der Monarchie durch die brutale Zerschlagung des Aufstands der Bevölkerung gegen die Bourgeoisie und kehrt die bürgerliche Gesellschaft in die Vorzivilisation zurück. Die Ordnung, die von der „Partei der Ordnung“ geschaffen wird, ist nichts anderes als die Entwicklung einer neuen Form des Staates, die der Gesellschaft fremd ist.